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It's the economy, stupid! Warum Studierende mehr Vielfalt in der Volkswirtschaft fordern

Kapitalistisch, einseitig, realitätsfern: Das VWL-Studium wird von den eigenen Studenten kritisiert. An über 20 deutschsprachigen Universitäten haben sich Gruppen des Netzwerkes "Plurale Ökonomik“ gebildet. Haben sie eine Chance das Fach zu verändern?

Von: Christian Schiffer

Stand: 11.06.2015

Der „Arbeitskreis Plurale Ökonomik“ an der Ludwig-Maximilians-Universität wird auch im Vorlesungsverzeichnis aufgeführt, was natürlich praktisch ist, weil „A“ gleich am Anfang des dicken Wälzers kommt. Und natürlich haben die Pluralen Nachwuchsökonomen auch eine Facebook-Gruppe, 178 Mitglieder immerhin, nicht nur VWLer. Manche von ihnen posten dort Artikel und Hinweise zu Veranstaltungen, es wird debattiert über Tauschparadigmen, Stagnation, herrschaftsloses Geld und natürlich die Krise an sich. Kurz gesagt: Platz hat hier alles, nur eben keine Mainstreamökonomie. Nur was soll das überhaupt sein, „Mainstreamökonomie“? Auf der Seite der Netzwerks Plurale Ökonomik wird der VWL-Mainstream folgendermaßen charakterisiert:

"Junge Nachwuchs-ÖkonomInnen bekommen in Ihrer Ausbildung meist nur dieses eine Denkmuster – die neoklassische Modellökonomik – vermittelt. Die Lösung realer gesellschaftlicher Probleme rückt dabei im Schein mathematischer Objektivität und eines überhöhten Dogmatismus in den Hintergrund."

www.plurale-oekonomik.de

Die Studentinnen und Studenten finden also, dass sie zu viele Modelle lernen, die wiederum zu wenig mit der Realität zu tun haben. Wenn man sich auf die Suche nach der vielgescholtenen Mainstreamökonomie macht, dann kommt man schwer vorbei am ifo-Institut für Wirtschaftsforschung. Die Hauptniederlassung liegt in München-Bogenhausen: Rundherum Villen, Konsulate, Bankhäuser, einmal über die Isar schwimmen und man ist bei Roland-Berger Consultings. Im ifo-Institut arbeitet auch der Doktorand Waldemar Marz, Gründer des Münchner Arbeitskreises „Plurale Ökonomik“ – so viel Pluralität muss sein. Bekannt aber ist das ifo-Institut vor allem durch Hans Werner Sinn. Der Professor mit dem markanten Seemannsbart fordert von hier aus seit Jahren lautstark allerlei Reformen, viele davon haben mit weniger Staat und Sozialleistungen zu tun, dafür umso mit mehr mit mehr Markt und Austeritätspolitik. Die „Festung der Neoliberalen“ so wird das Institut auch manchmal genannt, sagt Professor Gabriel Felbermayr und lächelt verschmitzt. Er leitet hier am ifo-Institut das Zentrum für Außenwirtschaft. Für das Anliegen der Studenten hat Felbermayr durchaus Verständnis:

"Über VWL zu diskutieren, das ist einer der Gründe, warum ich dieses Fach selber studiert habe und warum ich es auch gerne unterrichte. Insofern kommt jede Debatte eigentlich gelegen. Und ich verstehe, dass die Studenten zu den großen, weltbewegenden Themen etwas wissen wollen. Warum kam die Finanzmarktkrise? Wie ist sie zu lösen? Wie können wir Europa zusammenschweißen? Wie können wir globale Gerechtigkeit herstellen? Dabei aber nicht verarmen? Und dann kommt man als Student an die Uni und macht zunächst mal Mathematik, Statistik und dann beginnt man langsam mit sehr unrealistisch, sehr stilisierten Modellen sich an die Thematik heranzuarbeiten und dann ist das Studium schon fast wieder vorbei."

Hans Werner Sinn, ifo-Institut für Wirtschaftsforschung

Volkswirtschaft ist eben nicht objektiv

Stilisierte Modelle, mit denen sich die Studenten an die Thematik heranarbeiten: Oft wird kritisiert, dass die Ökonomie so versuche den Naturwissenschaften nachzueifern, dass sie versuche eine Art „Sozialphysik“ zu sein, genauso exakt und verlässlich wie die Mathematik – und genauso objektiv. Nur: Anders als in den Naturwissenschaften kann man in der Volkswirtschaft kaum richtige Experimente unter Laborbedingungen durchführen. Und anders als die Mathematik ist die Volkswirtschaft eben nicht objektiv, sondern – so der Vorwurf – oft genug ziemlich dogmatisch.

Vielleicht muss die Volkswirtschaft das aber auch gar nicht sein, objektiv, findet Felix Kersting. Er studiert an der Humboldt Universität in Berlin Volkswirtschaftslehre im Master. Er ist quasi fertig und überlegt sich nun, zu promovieren. Während des Studiums hat er sich stark für kritische Ökonomik engagiert und die Gruppe „Was ist Ökonomie?“ gegründet.

"Dadurch, dass sich ökonomische Theorie derart abstrakt und vermeintlich sehr wissenschaftlich an den Naturwissenschaften orientiert, gewinnt sie natürlich eine höhere Überzeugungskraft und wirkt halt besonders wissenschaftlich, was immer mit besonders gut oder objektiv verwechselt wird, und deswegen besonders wirkungsmächtig ist. Ich glaube, es ist auch gar nicht möglich, unpolitische Ökonomik zu machen."

Felix Kersting, VWL-Student, Humboldt Universität Berlin

Der britische Ökonom John-Maynard Keynes hat einmal gesagt, dass die Welt wohl von kaum etwas anderem regiert wird als von den Ideen der politischen Philosophen und von denen der Nationalökonomen. Und tatsächlich: Die Volkswirtschaft ist wohl eine der einflussreichsten Wissenschaften überhaupt. Einschätzungen beispielweise der Sachverständigenrates der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung haben großen Einfluss auf die öffentliche Meinung und auf die Politik selbst. Grund genug also einem Thema eine Radiostunde widmen, das gerade richtig Konjunktur hat: Der Zukunft der Volkswirtschaftslehre.

Eine Wiederholung vom 14. Juni 2015


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