Bayern 2 - Zündfunk


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02.01. // "Prolls, Assis und Schmarotzer" Warum unsere Gesellschaft die Armen verachtet

Vor dem "faulen Griechen" kam der "faule Arbeitslose": Die Bilder von Menschengruppen, die angeblich dem hart arbeitenden deutschen Steuerzahler auf der Tasche liegen, haben schon den Abbau des Sozialstaats unter Rot-Grün begleitet. Warum entstehen und wie wirken sie?

Von: Sebastian Dörfler und Julia Fritzsche

Stand: 24.07.2015

"Prolls, Assis und Schmarotzer"

Warum unsere Gesellschaft die Armen verachtet. Eine Sendung von Sebastian Dörfler und Julia Fritzsche, 19.07.2015 um 22.05 Uhr auf Bayern 2

Politik und Medien sind sich einig: Die Griechen machen sich auf Kosten des deutschen Steuerzahlers ein schönes Leben. Doch das Bild eines Typen, der der hart arbeitenden Bevölkerung auf der Tasche liegt, ist nicht neu.

"323 Euro bekommt Arno Dübel monatlich vom Staat zum Leben. Das geht vor allem für Zigaretten und Alkohol drauf. Dübel ist Kettenraucher, sitzt den ganze Tag auf seinem grünen Sofa, schaut fern. Während die arbeitende Bevölkerung schon seit Stunden auf den Beinen ist, steht Arno ganz gemütlich gegen elf Uhr auf und macht es sich erst einmal im Wohnzimmer bequem."

Bild.de

Arno Dübel wird 2010, mitten in der Wirtschafts- und Finanzkrise, das Gesicht des Erwerbslosen in Deutschland: faul, frech und dreist. Das Bild von angeblich "faulen Arbeitslosen" taucht immer wieder in Krisenzeiten auf. Wenn der Abstand zwischen Arm und Reich auseinandergeht, sucht sich die Gesellschaft eine Rechtfertigung dafür: Die Betroffenen sind eben selbst schuld.

"Der 'faule Arbeitslose' ist in der Vorstellung faul, ungepflegt, ungewaschen, er trägt die meiste Zeit Unterhemden und er konsumiert literweise Bier, kiloweise Chips usw. Er ist das Gegenbild zum Idealbild der Leistungsgesellschaft: gepflegt, rasiert, sportlich, morgens um 5 Uhr schon Joggen gehen, wenn Fernsehen dann nur Kulturfernsehen, 3sat, arte, und natürlich konsum- und ernährungsbewusst. Und er lebt nicht im Plattenbau, sondern im Altbauviertel."

Sebastian Friedrich, Journalist und Sozialwissenschaftler Uni Duisburg-Essen

Das Bild einer nutzlosen Menschenklasse

Seit 15 Jahren begleitet das Bild den Abbau des Sozialstaats in Deutschlands. 2001 beschwört Gerhard Schröder in der BILD-Zeitung das Bild des "faulen Arbeitslosen", Boulevardmedien berichten über den Erwerbslosen "Florida-Rolf", das Privatfernsehen zeichnet Figuren wie Cindy aus Marzahn.

"Biologen verwenden für Organismen, die zur Befriedigung ihrer Nahrungsbedingungen auf Kosten anderer Lebewesen - ihren Wirten - leben, übereinstimmend die Bezeichnung 'Parasiten'."

Wolfgang Clement, Bundesminister für Wirtschaft und Arbeit, 2005

Die Feuilletons bereiten diesen Bildern den Boden und Rot-Grün schafft mit Hartz IV das entsprechende System.

"Es ist so eine Wechselwirkung: Ich glaube, persönlich würden die Jobcenter-Mitarbeiter das nicht so durchziehen können, wenn das nicht vom Rest der Gesellschaft mitgetragen würde. Man sieht, in was für einem Film die sind."

Christel T., Erwerbslose und Aktivistin

Mit der Euro-Krise hat sich diese "gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit", wie Soziologen die Abwertung bestimmter Menschengruppen bezeichnen, noch ausgedehnt. "Parasiten", "Armutsmigranten" und "faulen Griechen": In was für einer Gesellschaft entstehen diese Bilder und wie wirken sie?

Ein Zündfunk Generator über die Dämonisierung der Armen in Politik, Medien, Jobcentern - und im eigenen Kopf. Mit Stimmen von:
Sebastian Friedrich, Journalist und Sozialwissenschaftler an der Uni Duisburg-Essen, und der Erwerbslosen und Aktivistin Christel T.

Tipps und Links

Faul, Frech, Dreist: Die Diskriminierung von Erwerbslosigkeit durch BILD-Leser*innen , von Christian Baron und Britta Steinwachs , edition Assemblage 2012
Klassismus - Eine Einführung, von Andreas Kemper und Heike Weinbach, Unrast 2009
Der Aufstieg der AfD - Neokonservative Mobilmachung in Deutschland, von Sebastian Friedrich, Bertz + Fischer, 2015
Christel T.'s Blog: jobcenteraktivistin.wordpress.com


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