Alle Mann an Deck? Von schwarzen Märkten und Piraten
"Alles klar soweit?", fragt Johnny Depp als Vorzeigepirat Jack Sparrow im Kinohit "Fluch der Karibik". Nein, schallt es aus allen Ecken: Denn die romantischen Vorstellungen von Piraten à la Francis Drake (1540 – 1596), dem Freibeuter der englischen Krone, sind überholt. Stattdessen sitzen die Piraten mittlerweile in unseren Länderparlamenten und gefährden nach Ansicht einiger etablierter Politiker mindestens das Urheberrecht, wenn nicht gar die Demokratie.
Doch die aktuellen Diskussionen über das Urheberrecht in digitalen Zeiten lassen vergessen, dass Piraten nur selten Nerds aus Industrieländern mit großen Festplatten sind. Meistens handelt es sich bei modernen Piraten um verzweifelte Menschen aus Entwicklungsländern ohne funktionierende staatliche Strukturen und Bürokratie, um Menschen, die ihre letzte Chance nutzen wollen, am globalen Reichtum der westlichen Warenwelt teilzuhaben.
Der amerikanische Journalist Robert Neuwirth zeigt in seinem Buch "Stealth of Nations", dass es die Schwarzmärkte sind, die in Afrika oder Südamerika ganze Nationen wirtschaftlich stützen und einen technologischen Fortschritt garantieren, den sie legal derzeit kaum erreichen könnten. Deshalb plädiert Neuwirth dafür, neu über Formen des kulturellen- und wirtschaftlichen Recyclings, über Piraterie und illegale Wirtschaftskreisläufe nachzudenken.
Wer ist heutzutage eigentlich Pirat, wenn nicht gerade Fasching oder Wahlkampf ist? Was bedeutet Piraterie für Menschen ohne direkten Zugang zu Wirtschaft und Kultur? Gibt es überhaupt eine Zukunft der Ökonomie ohne Piraten?
Mit Lars Eckstein, Veranstalter des Kongresses "Post Colonial Piracy" und Robert Neuwirth; Journalist und Autor des Buches "Stealth of Nations" (Pantheon Books, 2011).
GENERATOR-SERIE "URHEBERECHT UND PIRATERIE"
Am 21. März 2012 hat uns Sven Regener hier im Zündfunk den Kinski gemacht. Ihm folgten, in etwas weniger manischer Form, 160 Denker aus Kunst, Medien, Wissenschaft Wirtschaft und Politik: im Handelsblatt postulierten sie "Mein Kopf gehört mir". Auch in Der Zeit outeten sich 100 Autoren und Künstler als Urheber und sprachen sich gegen Diebstahl des geistigen Eigentums aus. Die Debatte um Urheberrecht und Piraterie hat Ausmaße angenommen, die zu Internet -Vorzeiten noch undenkbar gewesen wäre. Doch ein eindeutiges richtig oder falsch, gut oder böse gibt es dabei nicht.
Der ZÜNDFUNK Generator wirft deshalb einmal mehr einen genauen Blick auf die Copyright-Debatte und fragt sich: Wann sichert das Urheberecht tatsächlich das Überleben von Kleinkünstlern, wann verhindert es durch strenge Zugriffsbeschränkungen einen Fortschritt, von dem vor allem benachteiligte Menschen profitieren würden? Ist Kopieren wirklich Diebstahl, oder ist es nicht doch vor allem das Eigentum, das den Besitzlosen die Grundbedingungen für Überleben stiehlt? Ist Piraterie - ob zu Lande, auf freier See oder im Netz - grundsätzlich kriminell und deshalb zu verurteilen oder Garantie für Kreativität und Innovation?

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