Bayern 2 - Zündfunk


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Nudging Wir wissen, was gut für dich ist

Niemand lässt sich gerne was verbieten. Ein sanfter Schubs in die richtige Richtung? Den nimmt man schon eher in Kauf. "Nudging" heißt das Schubsen auf Englisch und ist inzwischen nicht nur im Kanzleramt sehr gefragt.

Von: Birgit Frank

Stand: 24.07.2015

Wir wissen, was gut für dich ist

Wie uns Politiker und Wissenschaftler in ein besseres Leben schubsen wollen. Sendung von Birgit Frank. Wiederholung am 26. Juli 2015 um 22.05 Uhr auf Bayern2

Nach Barack Obama und David Cameron scheint jetzt auch das politische Berlin entschlossen: Das Kanzleramt und einige Minister testen neue Methoden, um ihre politischen Ziele besser an den Bürger zu bringen. Wie bringt man die Leute dazu, Energie zu sparen? Mehr Gemüse zu essen oder fürs Alter vorzusorgen? Mithilfe neuer Techniken sollen die Bürger in die richtige Richtung geleitet werden: mit einem kleinen Schubs - dem Prinzip Nudging.

In den USA und in Großbritannien wird längst geschubst - oder genudged: Drucker und Kopierer werden so voreingestellt, dass Vorder- UND Rückseite bedruckt werden. Kalifornische Kommunen haben ihre Bewohner informiert, wie viel Strom sie im Vergleich zu den Nachbarn verbrauchen, und sparsame Haushalte mit einem Smiley-Brief belohnt. Verwaltungen haben durch persönliche Textnachrichten mit Zahlungserinnerungen angeblich schon Millionen eingespart. Und das alles: durch Nudging.

"Ich halte es für ein interessantes Instrument. Aufjedenfall ist es etwas, das, wenn man es konsequent anwendet, auch dazu führen kann, dass man die gleichen Ziele erreicht, die man bisher mit Gesetzen und Verordnungen erreicht hat – und das würde ich gerne einmal ausprobieren."

Bundesminister der Justiz und für Verbraucherschutz Heiko Maas im Dezember 2014

Cass Sunstein - Obervater des Nudging

Cass Sunstein forscht seit vielen Jahren an der Schnittstelle von Regulierung, Ökonomie und Psychologie. Er hat das Nudging-Konzept 2008 veröffentlich, zusammen mit dem Wirtschaftswissenschaftler Richard Thaler: Ein Bestseller über Verhaltensökonomie, in Deutschland erschienen unter dem Titel: "Nudge: Wie man kluge Entscheidungen anstößt".

"Die Idee ist, dass die Regierung in manchen Fällen Methoden anwenden darf, die die Freiheit und Wahlfreiheit der Leute garantieren, die aber auch einen paternalistischen Ansatz haben – weil sie die Leute in eine Richtung bewegen, die ihr Leben ein wenig besser macht."

Cass Sunstein im Zündfunk-Interview

"Paternalismus ist deshalb wichtig, weil es unserer Überzeugung nach für Entscheidungsarchitekten legitim ist, das Verhalten der Menschen zu beeinflussen, um ihr Leben länger, gesünder und besser zu machen. Anders gesagt, wir sind dafür, dass private Institutionen, Behörden und Regierungen bewusst versuchen, die Entscheidungen der Menschen so zu lenken, dass sie hinterher besser dastehen – und zwar gemessen an ihren eigenen Maßstäben."

aus Cass Sunstein / Richard Thaler: 'Nudge: Wie man kluge Entscheidungen anstößt'

Die einen nennen Nudging schon einen „neuen politischen Lösungsansatz“ und feiern die verhaltenspsychologischen Erfolge. Andere aber sprechen von Psychotricks, von Manipulation – und dem Bürger als Versuchskaninchen. Der Zündfunk Generator klinkt sich in die Debatte ein, spricht mit Politikern, Nudging-Erfindern, Förderern und Kritikern – und fragt, wer eigentlich mit welchen Mitteln wohin geschubst werden soll.


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