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All the President’s Fans Warum wir Politik und Poesie so gerne zusammen sehen

Der US-Präsident pinkelt ans Grab seines Vaters – und seine Fans sind begeistert. „Amerika hat Frank Underwood verdient“, sagt Kevin Spacey, Darsteller dieses Präsidenten, der zum Glück fiktiv ist. Hat er etwa recht?

Von: Barbara Streidl

Stand: 29.01.2016

"Wir haben eine zynische Vorstellung davon, was gegenwärtig realistisch ist. Wir glauben, dass wir dann besonders nah an die Realität herankommen, wenn wir nicht mehr an ungebrochene Heldenfiguren glauben, sondern stattdessen an Leute, die mit niederträchtigen Motiven zu beliebigen Mitteln greifen, zu Mord und Vergewaltigung bereit sind, um ihre ganz unerheblichen politischen Zielen zu greifen."

- Stephan Packard, Professor für Medienkulturwissenschaften in Freiburg und Köln

Es lässt uns, die Menschen an den Bildschirmen, die Serien wie „House of Cards“ oder auch „Game of Thrones“ verschlingen, moralisch gesehen nicht allzu gut da stehen, dass wir uns für Antihelden begeistern: Abgehackte Köpfe, vor die Bahn gestoßene Exgeliebte – egal! Heike Paul, Lehrstuhlinhaberin für Amerikanistik an der Universität Erlangen Nürnberg, legt ebenso den Finger drauf: 

"Ein inhaltlicher Diskurs dieser Serien ist sehr häufig die moralische Ambiguität, die sie vermitteln, dass wir uns in diesen quality television-Serien gerne mit dem Bösewicht identifizieren... der korrupte Politiker als Serienheld, irgendwie finden wir das gut. Und es erlaubt uns eine Form der lustvollen Transgression."

- Heike Paul, Lehrstuhlinhaberin für Amerikanistik an der Universität Erlangen Nürnberg

Wir haben also jede Menge Spaß am sündigen Überschreiten von Grenzen und mögen böse Helden! Was für ein Unterschied zum Film „All the president‘s men“ über die Watergate-Affäre, die von zwei emsigen Journalisten aufgedeckt wurde. Damals, 1976, stand das Publikum eindeutig auf der Seite der Guten und nicht etwa auf der Seite des mogelnden Präsidenten Richard Nixon, der seine Gegner abhören ließ.

Der Realitätscheck lässt die aktuelle reale Welt der Mächtigen noch ganz gut aussehen:

"Ich kenne ‚House of Cards’, ‚Scandal’ noch nicht, aber meine Frau Michelle. Ich muss Ihnen aber sagen, das Leben in Washington ist etwas langweiliger als es dort gezeigt wird."

- Barack Obama

Das sagt der amtierende US-Präsident Barack Obama. Doch wenn man sich den aktuellen Kampf um die Kandidatur anschaut, bei der Figuren wie Donald Trump nach dem höchsten Amt greifen, kann einem schon ganz anders werden.

Gefragt, ob er mit seiner Serie „House of Cards“, an deren Inhalt er maßgeblich beteiligt ist, nicht die Grenzen des guten Geschmacks übertrete, meint Hauptdarsteller Kevin Spacey zum US-amerikanischen Polittalker Stephen Colbert: Die scheußlichen Machenschaften aus „House of Cards“ seien gar nicht so weit weg von der Realität.

Haben wir alle, hüben wie drüben, einen wie Frank Underwood als Anführer der freien Welt verdient? Oder warum sehen wir so gerne dabei zu, wenn böse Gestalten intrigieren und politische Macht an sich reißen, ob im Weißen Haus oder anderswo?


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