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Generation Preset Wie digitale Voreinstellungen die Popmusik prägen

Heute braucht niemand mehr ein Orchester. Gibt’s als Plugin. Schon in den 70ern versuchte man reale Instrumente mit dem Synthesizer zu imitieren: Ganze Heerscharen von Chartsbands schufen ihre Hits mit sogenannten Presets. Bedeuten die technischen Möglichkeiten Fluch oder Segen für unsere Kreativität?

Von: Florian Fricke

Stand: 29.01.2016

Led Zeppelin, Anfang der 70er Jahre, die Band arbeitet an ihrem vierten Album. Für den legendären Drumsound von „When The Levee Breaks“ wandert John Bonham mit seinem Schlagzeug ins Treppenhaus des Studios. Dann wird der Song erst in einer höheren Geschwindigkeit aufgenommen, um dann in der Mischung abgebremst zu werden, damit er so schön sumpfig klingt. Kurzum: ein Haufen Studio-Zauberei, so viel, dass der Song live kaum zu spielen war. Heute kann man all das in nur ein Plugin packen, eine kleine Software.

Auch den Raumklang dieses Treppenhauses, in dem John Bonham spielte, könnte man ohne Probleme als Preset anbieten, vielleicht gibt es das sogar schon. Für eine Tatort-Filmmusik muss kein Musiker mehr irgendein Studio besuchen, sämtliche Orchesterklänge gibt es auf DVD. Man kann die Charakteristik eines Instruments auf ein anderes übertragen und beispielsweise ein Katzenjaulen in ein Saxofon überblenden. Es gibt sogar Software, die völlig selbständig einen Song abmischt, also die optimalen Lautstärken festlegt, Frequenzen anhebt oder absenkt und so weiter. Sie will bloß vorab wissen, welche die Leadstimme ist, falls mehr als nur einer singt. Und mit dem Wissen, dass der emeritierte Musikprofessor David Cope eine Kompositions-Software geschrieben hat, die täuschend echt bekannte Komponisten wie Bach oder Rachmaninow imitieren kann, befinden wir uns scheinbar auf dem geraden Weg zur voll-automatisierten Musik.

Ist das Utopia?

Erleichtern uns diese digitalen Hilfsmittel die Arbeit, so dass mehr Platz ist für die eigentliche Kreativität? Oder stehen wir zunehmend einem Massenphänomen gegenüber, das für immer mehr Musik von der Stange verantwortlich ist? Diesen Fragen hat sich auch Stefan Goldmann gestellt. Der Berliner Produzent hat 2015 ein kleines Buch veröffentlicht: „Presets – Digital Shortcuts to Sound“. In mehreren Interviews mit Programmieren, Produzenten und Musikern geht er der Bedeutung von Presets in der gegenwärtigen Musikproduktion nach.

"Es gibt Millionen von Produzenten, die sich an irgendwelchen Sachen versuchen. Wir schreiben aber nicht mehr 1985 oder 1995: Wenn sich eine Million Leute um eine Ressource – nämlich die Aufmerksamkeit der Hörer – schlagen und alle die gleichen Mittel benutzen und sich nur intuitiv vorantasten, dann kommen sie irgendwann nicht mehr weiter. Dann tut sich da plötzlich eine Lücke auf, es herrscht Theorie- und Reflexionsbedarf. Und Presets ist das naheliegende Thema."

Stefan Goldmann, Autor und Produzent

Die Klassiker: DX7, TB-303, TR-808

Die Avantgarde-Elektroniker von Driftmachine vertrauen statt auf Presets wieder dem Zufall: Modularsysteme speichern keine Sounds ab.

Im Jahr 1983 bringt die japanische Firma Yamaha den DX7 auf den Markt. Der DX7 mit seiner typisch metallischen Anmutung prägt wie kein anderer Synthesizer den dekadenten Mainstream-Pop der 80er Jahre. Ob Whitney Houston, Chicago, A-ha oder Howard Jones, sie alle wühlen sich durch seine Preset-Bänke und bedienen sich ungeniert. Ungefähr zur selben Zeit wirft das japanische Konkurrenz-Unternehmen Roland die handlichen Geräte TB-303, einen Bass-Synthesizer, und TR-808, einen Drumcomputer, auf den Markt. Das Modell 808 wird später vom Modell 909 abgelöst. Die Geräte scheitern zunächst dramatisch am Markt und wären beinahe auf der Müllhalde der Musikgeschichte gelandet. Aber wie so oft verwandelt sich die vermeintliche Niete in ein Erfolgsmodell.

"Die Leute bei Roland haben 30, 35 Jahre gebraucht, bis sie verstanden haben, was sie da fabriziert haben. Sie dachten, dass sie eine veritable Kontrabass-Emulation auf den Markt gebracht hätten. Aber es gibt nichts, was von einem Kontrabass weiter entfernt ist, als der 303-Bass-Sythesizer. Er klingt nach Vogelstimmen, nach menschlichen Stimmen mit zugehaltener Nase. Und die Drummachines 808 und 909, da haben die gedacht, dass die vielleicht Alleinunterhalter, die in jazzigen Bars spielen, nutzen könnten. Aber es gibt keine brutalere Kickdrum als die der 909."

Stefan Goldmann, Autor und Produzent

Reset The Preset

Stefan Goldmann: „Presets – Digital Shortcuts to Sound“ ist im Bookworm Verlag erschienen.

Seit den seligen Pioniertagen von House und Techno hat sich viel getan: Synthesizer und vor allem Musiksoftware kommen heute mit gigantischen Preset-Bibliotheken auf den Markt, und ein Produzent kann aus Myriaden von unterschiedlichen Bassdrums auswählen. Aber es gibt auch eine Gegenbewegung zur neuen Perfektion in der Studiowelt. Seit einiger Zeit erfreuen sich analoge Modularsysteme stetig wachsender Beliebtheit, was die Vision der Synthesizer-Entwickler von vor 30 Jahren eigentlich ad absurdum führt. Diese Geräte können weder Klänge noch Tonfolgen speichern, sie rauschen, sie reagieren unvorhersehbar, die Bedienung ist kryptisch – sprich, sie sind das genaue Gegenstück zur Generation Preset. Es geht also auch 2016 noch ganz ohne Presets in der elektronischen Musik.


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