Bayern 2 - Zündfunk


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Die Situation verändern und nicht den Menschen Gedanken über Moral und Globalisierung

Dass das T-Shirt im Online-Shop und die Garnelen auf der Pizza nicht von nebenan kommen, wissen wir alle. Und ahnen auch, dass sie unter miesen Bedingungen produziert wurden. Und trotzdem ändert kaum jemand sein Konsumverhalten. Warum eigentlich?

Von: Barbara Streidl

Stand: 09.11.2016

In einem Gratis-Magazin aus dem Bioladen habe ich zum ersten Mal von Evi Hartmanns Buch gelesen: "Wie viele Sklaven halten Sie?" heißt es. Keinen einzigen, dachte ich, und habe angefangen zu lesen.

"Die Sklaverei ist eigentlich schon längst abgeschafft. Wenn wir in unseren Keller gucken, dann sehen wir da auch keine Sklaven. Und dennoch, wenn wir überlegen, dass für 50 Cent 14 Stunden am Tag bei Hitze irgendwo in Schwellenländern Frauen sitzen und für uns nähen, dann weiß ich kein anderes Wort dafür."

Evi Hartmann, Professorin an der FAU Erlangen

Wir halten alle Sklaven

Obwohl die Sklaverei längst abgeschafft ist, existiert sie immer noch, unter dem Deckmäntelchen der globalen Wirtschaft. Zum selben Thema hat auch der Münchner Soziologe Stephan Lessenich ein Buch geschrieben, "Neben uns die Sintflut". Es gibt darin eine Stelle, die wirklich kaum zu ertragen ist. Es geht um die Garnelenzucht in Thailand: Für die Massentierhaltung werden Mangrovenwälder abgeholzt, die Garnelen werden mit Chemikalien und Antibiotika behandelt, um nicht einzugehen in den Aquafarmen. Geerntet werden Garnelen meistens von Gastarbeitern aus Kambodscha, Laos oder Myanmar. Oft sind es Kinder, die 16 Stunden am Tag Krabben puhlen, die Hände im Eiswasser.

"Garnelenkonsum in Deutschland oder den USA ist in den letzten Jahren um hunderte von Prozent angestiegen. Ich weiß gar nicht, wie es kam, aber offensichtlich muss jetzt die Garnele immer dabei sein, auf der Pizza, im Fitnesssalat, als kleine Beilage oder im Risotto.

Das ganze Problem wird dadurch verschärft, dass wir sagen, na gut, dieses Kind, dass da die Garnelen puhlt, wenn das nicht mehr Garnelen puhlen könnte und seine Familie damit unterstützen, dann ging’s denen dort unten ja noch schlimmer."

Stephan Lessenich    

Kinderarbeit für den Krabbensalat

Ging es "denen dort unten" wirklich nachhaltig schlimmer? Lessenich ist der Meinung, dass damit ein Ungleichgewicht verstärkt wird, indem wir auf der reichen Seite der Welt nur scheinbar helfen. Ebenso wenn wir großzügig Spenden überweisen, an Weihnachten. Das alles hilft - aber nicht strukturell, nicht nachhaltig. Was also tun? Evi Hartmann findet, wir müssen anfangen, unser Verhalten zu ändern: Weniger Billig-T-Shirts kaufen, über unseren Konsum nachdenken und diskutieren. Eine Besinnung auf die Moral, das reicht Stephan Lessenich nicht, er fordert uns auf, an die Strukturen zu gehen. Was nicht ohne Folgen wäre.

"Es drohen niemandem von uns Arbeits- und Lebensverhältnisse, wie vielen Menschen in Zentralafrika oder Lateinamerika oder Südostasien, aber wenn die Strukturen sich verändern, dann würde sich auch unsere Position verschlechtern. Man muss tätig werden, um auch sich selber zu schädigen. Aber ich bin mir sicher, dass es keine Selbstschädigung wäre, es ist nur relativ so und nicht relational, wenn wir in Beziehung treten zu anderen Menschen, dann ist es ein sehr, sehr großer Gewinn."

Stephan Lessenich

Literaturtipps

  • Evi Hartmann: Wie viele Sklaven halten Sie? Über Globalisierung und Moral. Campus Verlag, 2016
  • Stephan Lessenich: Neben uns die Sintflut - Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis. Hanser Literaturverlage, 2016

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