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Fragile Briefe aus einem zerbrechlichen Europa

14 Schriftstellerpaare aus Europa und Israel schreiben sich seit Juni 2016 Briefe – einzige inhaltliche Vorgabe: Sie sollen sich um die Fragilität Europas drehen. Mit dabei bei diesem Literaturprojekt sind der Münchner Björn Bicker und die Türkin Ece Temelkuran.

Von: Laura Freisberg

Stand: 24.02.2017

„Oh mein Gott, so große Themen und so große Fragen“, hat sich Björn Bicker zu Beginn des Briefprojektes „Fragile – Europäische Korrespondenzen“ gedacht. Er schreibt Bücher und Theaterstücke, die sich mit der europäischen Einwanderungsgesellschaft befassen und war Dramaturg an den Münchner Kammerspielen. Politisches Schreiben ist also seit vielen Jahren sein Handwerk, aber der Auftrag, Briefe zu schreiben, war neu. Und dann auch noch an eine türkische Journalistin, die er noch nie getroffen hat über ein ziemlich vages Thema, nämlich Europas Fragilität. Doch dann wurde ihm klar, dass in Anbetracht der politischen Situation, in der wir uns befinden, es auch die großen Fragen sind, die mich interessieren. Das ist der Unterschied von vor einem Jahr oder zwei Jahren, dass diese Fragen plötzlich für mich auch eine Dringlichkeit haben. Und ich über Meinungsfreiheit, über Religionsfreiheit, über Freiheit der Kunst in so einem europäischen Kontext was sagen kann, ohne dass es mir abgeschmackt vorkommt.“

Seine Briefpartnerin ist Ece Temelkuran. Aufgrund ihrer Kritik an der Regierungspartei hat sie ihren Job bei einer türkischen Tageszeitung verloren, sie hat Istanbul verlassen und lebt jetzt in Zagreb im Exil. Von dort schreibt sie an Björn Bicker:

"Lieber Björn,
Verzeih mein langes Schweigen. Allerdings sind in der Zwischenzeit, in der wir keinen Kontakt hatten, in der Türkei ein paar historische Dinge geschehen. Eine Explosion am Flugplatz, von der viele Menschen in der Türkei so tun, als wäre sie nicht geschehen, und ein misslungener Putschversuch, der die Türkei in den internationalen Medien über Wochen in die Schlagzeilen brachte. Keine gute Zeit, um über Fragilität zu reden, wie? Nun, vielleicht auch gerade das Gegenteil und gerade jetzt ist die beste Gelegenheit, über Fragilität zu reden. Morgen breche ich mit meinem Buch über die Türkei zu einer Lesereise nach London auf, weshalb mir eine Frage im Kopf herumgeht. Ist das tatsächlich ein spannendes Thema für ein Publikum im Ausland? Meinst Du, es interessiert „Ausländer“ in irgendeiner Weise, wie Menschen in der Türkei mit Traumata umgehen? Ich glaube das nicht. Denn ich fürchte, mein Land ist mittlerweile in der Kategorie der irren Länder gelandet, in denen alles Mögliche geschehen kann.
Mir geben jetzt Journalisten und Pressefreiheitsaktivisten ihre Karten, damit ich sie nötigenfalls anrufen kann. Als würde das die Sache besser machen. Wir sind doch alle in gewisser Weise Desperados, nicht wahr? Ich bin fragil. Ja, das bin ich. Ich bin sogar zerbrochen. Na und? Die Geschichte ändert sich rücksichtslos, da ist die Tatsache, dass ich zerbrochen bin, unerheblich. Mir ist ein wenig düster zumute dieser Tage. Sorry, dass ich Dir nichts Besseres zu erzählen habe als meinen persönlichen Frust. Herzlich, Ece"

Ece Temelkuran

Mit der Antwort hat sich Björn Bicker mehrere Wochen Zeit gelassen – nicht weil er nachlässig wäre, im Gegenteil. Die Wucht ihres Briefes habe bei ihm eine Art Schreibblockade ausgelöst, wie er schließlich in seinem Antwortbrief erklärt:

"Liebe Ece,
Dein Brief hat mich gelähmt; ich habe das noch nie erlebt. Ich habe mir jeden Tag gesagt: Morgen setzt Du Dich hin, dann geht es weiter, dann antwortest du Ece. Aber dann habe ich an unser Thema gedacht, an die Fragilität und mir ist zum Heulen zumute gewesen. Ich kann nicht mehr, habe ich gedacht. Wie kann ich ihr antworten, wo ich null Ahnung davon habe, wie es ihr wirklich geht; kann ich mir vorstellen, wie es ist, in der Türkei zu sein, den ganzen Irrsinn dieser Wochen und Monate mit zu erleben? Aber nicht nur das: Diese Blockade hat mein ganzes Denken besetzt. Ist in meine Glieder gekrochen. Plötzlich war es nicht mehr die Winzigkeit meines privilegierten Lebens hier in Deutschland, in München, auf einmal war es die Fragilität unserer Lebensumstände, das Zerbrechen und Verwischen meiner gewohnten Koordinaten, das mich hat verstummen lassen."

Björn Bicker

Das Gefühl von Verzweiflung und Einsamkeit

Wenn man heute mit Ece Temelkuran über ihren Brief kurz nach dem Militärputsch und den darauffolgenden Berufsverboten, Festnahmen und Tötungen in der Türkei spricht, lacht sie bitter. Natürlich sei die Formulierung „Ich bin zerbrochen“ krass, aber: Es geht ihr nicht um ein persönliches Gefühl – sondern einen allgemeinen politischen Zustand, der auch viele andere Menschen in der Türkei betreffe. „Wir haben uns gefühlt, als würden Aliens ein großangelegtes Experiment mit uns durchführen, bei dem sie uns in den Wahnsinn treiben wollen“, erklärt sie dazu. Dieses Gefühl der Verzweiflung und Einsamkeit sei sehr ermüdend – und es werde leichter, wenn man darüber reden könne, schließlich kommt ein Teil der politischen und emotionalen Erschöpfung aus dem Gefühl, allein zu sein. „Ich glaube, dass es ein weltweiter Trend ist“, fügt sie wenig optimistisch hinzu, „wir werden alle noch darüber reden, wie zerbrechlich unsere Werte sind, wie zerbrechlich unser freier Lebensstil ist – den wir lange Zeit für selbstverständlich gehalten haben“.

Diese Diskussionen betreffen uns alle

Björn Bicker und Ece Temelkuran sind zwei von 28 Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus Europa, die sich für das Projekt „Fragile - Europäische Korrespondenzen“ Gedanken über Europas Zerbrechlichkeit gemacht haben: Manche der Briefe sind so wütend und verzweifelt wie die von Ece Temelkuran, andere entwickeln eben durch den Dialog auch wieder einen Optimismus – und dann gibt es solche, die über einen Ausflug in die Vergangenheit einen neuen Blick auf das heutige Europa werfen. Beim Lesen der vierzehn Briefwechsel wird klar: Diese Diskussionen beschränken sich aber nicht auf die Zunft der Literaten – sie betreffen uns alle.

Fragile – Europäische Korrespondenzen

Unter dem Titel „Fragile - Europäische Korrespondenzen“ waren 28 Autorinnen und Autoren aus den Ländern Europas vom Netzwerk der Literaturhäuser eingeladen, in einen mehrmonatigen Austausch einzutreten. Alle Briefe sind hier nachzulesen: fragile-europe.net/


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