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Der Nahe Osten in Berlin Zu Fuß vom Iran, nach Syrien, Israel und in die Türkei

Keine Krisenregion ist in den Medien so präsent wie der Nahe Osten. Der Krieg in Syrien, die repressive Politik Erdogans und seine umstrittenen Aussagen sowie der Dauerkonflikt zwischen Israelis und Palästinensern. Aber wie nehmen die Menschen aus diesen Ländern die Situation in ihrer Heimat wahr? Im Berliner Stadtteil Neukölln leben Menschen aus all diesen Regionen zusammen. Ein Spaziergang durch den Nahen Osten von Berlin.

Von: Shahrzad Osterer

Stand: 23.03.2017

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Zu Fuß vom Iran, nach Syrien, Israel und in die Türkei: Der Nahe Osten in Berlin von Shahrzad Osterer, 26.03.2017, 22.05 Uhr auf Bayern 2

Im Berliner Stadtteil Neukölln leben Menschen aus vielen Regionen des Nahen Ostens zusammen - und entgegen manchmal anders lautender Medienberichte friedlich. Man kann quasi zu Fuß von der Türkei, nach Syrien in den Iran und nach Israel spazieren. Auch Ali Fathollah-Nejad lebt dort. Er kam 1981 im Iran auf die Welt. Als sich das politische Klima während des Iran-Irak-Kriegs verschlechterte, entschied sich die Familie den Iran zu verlassen. Ali Fathollah Nejad wuchs deshalb in Essen auf und studierte Politikwissenschaften in Frankreich, Deutschland und den Niederlanden. Er hat über die internationalen Beziehungen des Irans promoviert und arbeitet heute als Iran-Experte der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik.

Auf einem Spaziergang mit ihm durch Neukölln sprechen wir mit Türken, Syrern und Israelis über die Lage in ihren Heimatländern, die Rolle des Westens und Europas aber auch über das Zusammenleben im bunten Neukölln.

Wir treffen zum Beispiel Rasha Abbas. Sie schreibt Kurzgeschichten. Bevor sie wegen des Krieges nach Beirut fliehen musste, lebte sie in Damaskus. Dank eines Literaturstipendiums kam sie 2014 nach Stuttgart, beantragte danach erfolgreich Asyl und lebt seitdem in Berlin. In ihrem Buch "Die Erfindung der deutschen Grammatik", schreibt Rasha Abbas humorvoll über das Neusein in Deutschland und die Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache. 2011 war die goldene Phase in Syrien, erzählt sie. Sie seien voller Hoffnung gewesen und dachten, das System würde stürzen und dass der Aufstand von der internationalen Gemeinschaft unterstützt würde. Aber das ist nicht passiert.

"Und jetzt haben wir den Punkt erreicht, dass die Menschen in Syrien einfach ihrem Schicksal überlassen werden. Ich habe das Gefühl, dass wir Zaungäste bei dem Krieg in unserer eigenen Heimat sind. Dabei ist der Krieg in Syrien ein internationaler Konflikt, es ist ein Stellvertreterkrieg."

Rasha Abbas, syrische Schriftstellerin

Der Nahostexperte Ali Fathollah-Nejad und Rasha Abbas sind sich einig, dass der Westen - vor allem die USA - die Opposition in Syrien schon am Anfang des Krieges militärisch hätte unterstützen müssen, um mehr Blutvergießen zu vermeiden.

"Die Türkei geht gerade an einen sehr dunklen Ort"

Beim nächsten Halt auf unserem Spaziergang treffen wir den aus der Türkei stammenden Politologen Şafak Baş. Er hat in Heidelberg Politik- und Islamwissenschaften studiert und anschließend längere Zeit als freier Journalist in der Türkei und im Iran gearbeitet. Er ist Stipendiat der Hanns-Seidel-Stiftung und schreibt seine Dissertation über die Außenpolitik der Türkei und des Irans. Im April findet das umstrittene Referendum über eine Staatsreform in der Türkei statt. Bas sieht die Zukunft für die Türkei alles andere als rosig. Er macht sich ernsthafte Sorgen über den Weg, den die Türkei einschlagen könnte.

"Die Türkei geht an einen sehr dunklen Ort, weg von demokratischen Werten, mit denen auch Erdogan an die Macht gekommen ist. Einer aus der untersten Schicht der türkischen Gesellschaft, hat es nach ganz oben geschafft, weil es diese Republik und seine demokratischen Werte gab, und da entfernt sich die Türkei von."

Politologe Şafak Baş

Kaum ein Konflikt wird so kontrovers und emotional diskutiert wie der israelisch-palästinensische Konflikt. Es scheint, als habe jeder eine Meinung dazu. Auf der Sonnenallee treffen wir die israelische Soziologin Meital Rozental. Sie lebt in Neukölln, diesem Kiez, die ganz oft als No-Go-Area für Juden und Israelis bezeichnet wird. Meital Rozental kann dem nicht zustimmen. Sie findet, dass das Zusammenleben zwischen Muslimen und Juden in Neukölln ziemlich gut funktioniert. Sie wohnt zwischen der sogenannten arabischen und der türkischen Straße in Neukölln. Diese Straßen bekämen sehr viel mediale Aufmerksamkeit in Israel.

"Da bin ich zum ersten Mal in direkten Kontakt gekommen mit Menschen aus Ländern, die jahrelang für mich nur ein Name waren. Und ich habe mich sofort wohl gefühlt. Wohler als in meiner Heimat."

Meital Rozental, israelische Soziologin

Keine nachhaltige Politik des Westens

Aber warum schaffen es die Menschen nicht, im Nahen Osten friedlich zusammenzuleben? Warum gehören Krieg und Gewalt zum Alltag vieler Menschen und Länder in der Region? Der Nahost-Experte Ali Fathollah-Nejad sieht das Hauptproblem darin, dass es im Nahen und Mittleren Osten hauptsächlich autoritäre Staaten gibt, die die Spaltung der Gesellschaften fördern und diese für sich nutzen, um Herrschaft auszuüben. Außerdem gibt es zwischen diesen Staaten große Konflikte, die einem friedlichen Zusammenleben im Wege stehen. Eine wichtige Rolle spielt natürlich auch, die Politik des Westens gegenüber diesen Staaten, nämlich die autoritäre Stabilitätspolitik: lieber ein autoritäres Regime als ein Regime, das nicht vorhersehbar ist. Darin sieht Fathollah-Nejad ein sehr großes Problem, denn das sei keine nachhaltige Politik. Das wäre spätestens beim arabsichen Frühling klar geworden.

"Man wird wieder früher oder später auf die Nase fallen, denn durch einen zunehmenden autoritären Charakter werden die Verhältnisse vor Ort tagtäglich schlimmer. Früher oder später gibt es einen Impetus, um sich wiederum gegen diese zunehmend autoritären Strukturen zu wenden."

Nahost-Experte Ali Fathollah-Nejad  


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