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Kunst- und Rechercheinstitut "Forensic Architecture" Mit Bild-Analysen Menschenrechtsverletzungen aufklären

Das Londoner Institut "Forensic Architecture" holt aus Bildern und Videos alle nur denkbaren Informationen - damit liefern sie Menschenrechtsorganisationen und Umweltschützern wertvolle Munition in Konflikten gegen Staaten, Regierungen und Unternehmen.

Stand: 15.09.2017

Eyal Weizman ist in Haifa aufgewachsen, hat in London Architektur studiert und leitet nun das Rechercheinstitut "Forensic Architecture" am Goldsmiths, University of London. Politisiert wurde Weizman über den Konflikt seiner Heimat Israel mit den Palästinensern. Als junger Architekt erstellte er eine detailgenaue Karte des besetzten Westjordanlands und entwickelte eine Fotoausstellung über die Architektur der israelischen Siedlungen. Schon früh hat er politischen Möglichkeiten von Architektur erkannt, erzählt er im Interview. "Sie ist eben nicht nur ein Set von Techniken und Technologien, die einem ermöglicht bessere Häuser und andere Gebäude zu bauen. Architektur ist auch eine sehr mächtiges analytisches Werkzeug, vor allem, wenn das eigentliche Verbrechen bereits in Architektur gegossen ist, und das ist im Westjordanland der Fall."

Internationale Gerichtshof zu bürokratisch

Am Anfang war Forensic Architecture ein Think Tank, in dem die Idee der Counter Forensics reifte. 2015 nahm das Büro dann Fahrt auf, die theoretischen Ansätze werden seitdem realisiert. Architekten wurden eingestellt, Programmierer, Filmemacher, Journalisten. Letztes Jahr wurde im renommierten Goldmiths im Südosten Londons ein neues Großraumbüro bezogen, wo rund 15 bis 20 Mitarbeiter ständig an den aktuellen Projekten arbeiten. Auftraggeber sind meist Menschenrechtsorganisationen, der größte davon bestimmt Amnesty International. Eyal Weizmans Vision einer nicht-staatlichen Aufklärungstruppe in Sachen Menschenrechte geht immer mehr auf. "Es gibt zwar den Internationalen Gerichtshof in Den Haag, aber er arbeitet sehr langsam, ist sehr bürokratisch strukturiert und nimmt nur wenige Fälle an, die meisten davon aus Afrika." Die eigentlichen Machtzentren blieben aber unberührt, erklärt er. "Wir müssen also kreativ sein in dem Sinne, wie und wo wir etwas präsentieren. Wie können wir eine Hebelwirkung erzielen und unsere Machtlosigkeit in Macht verwanden?"

Auf der Homepage von "Forensic Architecture" werden die Projekte veröffentlicht: Saydnaya, ein akustischer Rundgang durch ein syrisches Foltergefängnis. Black Friday, ein Bombardement von zivilen Häusern im letzten Gaza-Krieg. Das Abdriften eines Flüchtlingsboots im Mittelmeer wird rekonstruiert. Geheime Foltercamps in Kamerun im Kampf gegen den Terror werden dokumentiert. Immer greift das Büro auf frei verfügbare Informationen zurück und auf Partnerorganisationen vor Ort. Am Ende steht meist ein Video wie im Fall des NSU-Mordes in Kassel oder eine interaktive Karte. So wie im aktuellsten Projekt, der Ayotzinapa-Plattform.

Am 26. und 27. September jährt es sich zum dritten Mal das Massaker an 43 Studenten in der mexikanischen Stadt Iguala, die auf dem Weg zu einer linken Demonstration waren. Kein anderes Ereignis hat die leidgeprüfte mexikanische Gesellschaft in letzter Zeit mehr bewegt, denn bis heute bleiben die 43 Studenten verschwunden. Die staatlichen Stellen legten einen Nebel von Desinformation über alle Versuche einer umfassenden Aufklärung. Stefan Laxness ist Architekt aus Island und hat die Leitung des Projekts bei "Forensic Architecture". Wenn man über den Fall in den Zeitungen lese, bekomme man nimmer nur einen sehr kurzen Überblick über die Ereignisse. "Es ist extrem komplex, so viele Dinge sind passiert, in der Gesamtheit ist es kaum zu greifen. Wir reden von 400 verschiedenen Akteuren, die irgendwie involviert sind, und die meisten sind Angestellte des Staates."

Ungeheure Puzzle-Arbeit

Das Institut "Forensic Architecture" holt aus Bildern und Videos alle nur denkbaren Informationen

Sämtliche Akteure, Orte und Taten, sprich alles was über diese Nacht bekannt ist, sind in der interaktiven Karte der Ayotzinapa-Plattform visualisiert. Eine ungeheure Puzzlearbeit, die über ein Jahr Zeit in Anspruch nahm. Letzte Woche wurde das Projekt in Mexiko den Angehörigen präsentiert, und die waren vor allem von den Videos beeindruckt, erzählt Stefan Laxness. "So wie wir die Videos verstehen, sollen sie Hilfe und Werkzeug sein, um die interaktive Plattform besser zu verstehen, die viel komplizierter zu handhaben ist. Aber für die Angehörigen bedeuten die Videos noch etwas anderes. So können sie nun endlich über Fakten sprechen, die zwar allen bewusst waren. Aber sie hatten keine Handhabe, kein Werkzeug, um es Außenstehenden klar und präzise zu vermitteln."

"Forensic Architecture" machen unbezahlbare Arbeit - für die Aufklärung, für die Opfer und Hinterbliebenen, für die Stärkung der Menschenrechte, für den Kampf gegen staatliche Willkür. Und der NSU-Fall in Kassel zeigt: staatliche Willkür betrifft auch uns.


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