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Ernst-Schneider-Preis 2015 Crowdwork - Vom Entstehen der digitalen Arbeiterklasse

Die Weiterentwicklung des Outsourcing heißt Crowdsourcing: Die Crowdworker arbeiten oft für drei Euro die Stunde, ohne rechtliche Absicherung. Sebastian Strube wurde für diese Sendung mit dem Ernst-Schneider-Preis 2015 ausgezeichnet.

Von: Sebastian Strube

Stand: 21.10.2015

Wer als Crowdworker arbeitet, muss vor allem schnell arbeiten. Denn Crowdwork ist Akkordarbeit. Egal, ob es darum geht Adressen zu recherchieren, Bilder zu verschlagworten oder kurze Produktbeschreibungen zu verfassen. Bezahlt wird man nur für erledigte Jobs. Für eine recherchierte Adresse gibt es in der Regel 5 Cent, für einen kleinen Text zwischen einem Euro fünfzig und drei Euro. Das Prinzip ist dabei immer das gleiche. Phillip Hartje leitet die Firma Crowdguru, bei ihm sind etwa 13.000 Crowdworker angemeldet. Er erklärt, wie sein Geschäft funktioniert:

"Grundsätzlich werden wir immer dann aktiv, wenn bei Unternehmen große Menge an Daten, an Inhalten, an Texten etc. bearbeitet werden müssen und das Ganze eben nicht automatisiert erfolgen kann, sondern dafür menschliche Arbeit, menschliche Intelligenz nötig ist. Das Ganze übernehmen wir für unsere Kunden und machen das aber nicht selber hier bei uns vor Ort, sondern haben eine entsprechend große Crowd, ein  Netzwerk, an Leuten, die für uns von zu Hause arbeiten, über unsere Online-Plattform."

Phillip Hartje von der Firma Crowdguru

Erfunden hat das Crowdworking der Online-Händler Amazon. Im November 2005 stellte das Unternehmen die erste große Crowdworking-Website ins Netz, sie heißt: Mechanical Turk. Auf der Seite könne Firmen, aber auch Einzelpersonen Jobs einstellen, gleichzeitig können sich Arbeiter dort anmelden, um diese Jobs abzuarbeiten.

Künstliche künstliche Intelligenz

Mittlerweile nutzen Firmen und Arbeiter aus der ganzen Welt die Seite. Auch in Deutschland ist Mechanical Turk beliebt. Nach Angaben von Amazon sind im Moment 500.000 Menschen aus 190 Nationen bei Mechanical Turk angemeldet. Der Slogan von Mechanical Turk lautet: Artificial Artificial Intelligence, also künstliche künstliche Intelligenz. Ein Spruch, der viel über die Idee aussagt, die hinter Mechanical Turk steckt. Six Silberman beschäftigt sich an der University of California in Irvine mit Crowdworking.

"Was ist dann aber künstliche künstliche Intelligenz? Das sind Menschen, die künstliche Intelligenz simulieren. Also Menschen, die so tun, als wären sie ein Computer, der wiederum so tut, als sei er ein Mensch. Was bedeutet das? Ganz praktisch bedeutet das, dass man diese Menschen benutzt wie einen Computer. Wenn man ihnen eine Aufgabe gibt, hat man nicht das Gefühl, dass echte Menschen für einen arbeiten. Man ist kein Arbeitgeber mehr, man ist ein Nutzer, ein User, wie bei einem Computer. Das verändert das Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer fundamental."

Six Silberman von der University of California in Irvine

Im Crowdwoking werden Menschen benutzt wie Roboter.

Auch im Namen Mechanical Turk steckt die Idee vom Mensch-Computer. Der Mechanische Türke war vor 250 Jahre der erste Computerfake. Ein Schachautomat, obendrauf die Figur eines Türken, der die Schachfiguren wie von selbst richtig bewegte. Erst hundert Jahre später kam heraus: Im Inneren der Maschine saß ein kleiner Mensch. Auch hinter der Benutzeroberfläche von Webseiten wie Mechanical Turk sind Menschen verborgen. Es sind hunderttausende Crowdworker, die oft für Stundenlöhne von nicht mehr als zwei bis drei Euro arbeiten, die keine rechtliche Absicherung haben, die einem brutalen Rating-System unterworfen sind, denen ihr Arbeitslohn, wenn das Arbeitsergebnis nicht gefällt, einfach vorenthalten wird. Und trotzdem machen Hunderttausende in den USA, in Deutschland, Osteuropa oder in Indien diesen Job.

Wie man als Crowdworker arbeitet und was das alles für die Zukunft der Arbeit bedeutet, damit beschäftigt sich der Generator.

Neben Phillip Hartje von der Firma Crowdguru und Six Silberman von der University of California in Irvine kommen noch zu Wort:

  • Christian Roszenich, Managing Director bei clickworker
  • Jan Marco Leimeister, Professor für Wirtschaftsinformatik in Kassel und St. Gallen
  • sowie Stefanie Schmidt, die lange als Crowdworker gearbeitet hat

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