Bayern 2 - Zündfunk


20

Ocean of Sounds Der Klangforscher Chris Watson

Der Brite Chris Watson war schon immer ein Mann für besondere Klänge. In den mittleren 70ern gründete er das Avantgarde-Electro-Trio "Cabaret Voltaire", heute baut er Soundlandschaften.

Von: Roderich Fabian

Stand: 22.01.2016

"Es war ein Tonbandgerät, das mich zum Musik-Machen gebracht hat. Ich war elf oder zwölf, als ich das von meinen Eltern geschenkt bekommen habe, zum Geburtstag oder zu Weihnachten. Und ich habe das gleich geliebt: Klänge entdecken, aufzeichnen und besonders: sie zu manipulieren. Ich habe alle Geräusche im Haus aufgenommen. Aber weil das Gerät Batterien hatte, konnte ich ja auch draußen aufnehmen. Und das hat etwas in mir freigesetzt. Ich habe angefangen, Vögel und andere Tiere aufzuzeichnen, aber auch die speziellen Klänge bestimmter Orte und Maschinen. Man hat das damals noch nicht `Field Recordings` genannt. Das hat sich erst später als Genre entwickelt."

- Chris Watson

Der Brite Chris Watson baut Soundlandschaften. In großen Hallen lässt er Surround-Anlagen anbringen, die Illusionen schaffen von der Tiefsee, dem Dschungel oder dem Brutplatz eines Adlerhorsts. Bei Dunkelheit erlebt das Publikum liegend die Klänge einer natürlichen Welt. Chris Watson war schon immer ein Mann für besondere Klänge, in den mittleren 70ern gründete er das Avantgarde-Electro-Trio "Cabaret Voltaire" in Sheffield, das die Stimmung  des Punk mit experimentelle Mitteln wiedergab.

"Mit zwei geistesverwandten Freunden, Richard Kirk und Stephen Mallinder, habe ich in den frühen Siebzigern beschlossen, eine Band zu gründen – tatsächlich aus Frustration darüber, was man so zu hören bekam. Wir sind in Bars und Clubs in Sheffield ausgegangen – und die Musik war der totale Müll. Und wir dachten: ´Das können wir besser!`. Wir waren eben in dem Alter, wo man einfach mal alles ausprobieren kann. Wir waren zu dieser Zeit alle Kunststudenten an verschiedenen Unis. Und Musik erschien uns drei Jungs aus der Arbeiterklasse der einfachste Weg, uns auszudrücken. Wir waren an Kunst interessiert, auch an Film und Literatur. Aber das Musik-Machen war eine großartige Art zu zeigen, was uns interessiert"

- Chris Watson

Cabaret Voltaire mit Chris Watson | Bild: Mute

Wir schreiben das Jahr 1973, als sich Watson, Kirk und Mallinder zusammentun. Glam Rock regiert Großbritannien, aber die drei jungen Kunststudenten aus Sheffield hören lieber elektronische Musik, die besonders in Deutschland gerade neu erfunden wird, von Bands wie Cluster, Kraftwerk, Tangerine Dream und Neu… Die drei Studenten experimentieren mit Instrumenten und Geräuschen, veröffentlichen hin und wieder etwas auf Cassetten, aber keine Plattenfirma denkt auch nur daran, etwas von ihnen zu veröffentlichen. Zu düster, zu nah am Lärm klingen ihre Aufnahmen. Aber düster und nah am Lärm – so soll es klingen.

Dass die Band doch noch zu einem Plattenvertrag und zu Ruhm und Ehre kommen sollte, lag weniger an ihrer kompromisslosen Haltung und mehr an der Veränderung des Zeitgeistes Ende der 70er Jahre in England.

"Zu dieser Zeit lebten wir ja in Sheffield, eine Industriestadt im Norden Englands. Man kann sich das heute kaum noch vorstellen, aber wir waren ziemlich isoliert und noch nicht sehr viel rumgekommen. Und dann explodierte plötzlich Punk mit den Sex Pistols, und die Dinge begannen, sich zu ändern. Auftrittsorte wurde plötzlich zugänglich, und plötzlich gab es eine Akzeptanz dafür, auch radikale Vorstellungen umzusetzen. Für uns war das eine Erleuchtung. Plötzlich trafen Einladungen ein, ob wir nicht in Discos und kleineren Konzerthallen auftreten wollten. Wir wussten damals noch gar nicht genau, was wir da eigentlich machen. Das wusste niemand, aber es war toll."

- Chris Watson

In diesem Zündfunk Generator erzählt der Klangforscher Chris Watson aber nicht nur über seine Zeit mit Cabaret Voltaire und seine Vergangenheit im britischen Underground, sondern auch über seine Field Recordings und von seinen Sound-Installationen, die z.B. in Japan schon riesige Hallen füllen.

"Letztes Jahr habe ich ein anderes Stück gemacht, über einen Schwarm von 2000 Raben aus dem Schwarzwald. Die Installation wurde in einem Wald in Northumberland durchgeführt: 20 Lautsprecher, verteilt auf einer Fläche von 80 mal 100 Metern. Und wir haben es kurz vor Einbruch der Dunkelheit abgespielt, also zu der Zeit, wo die Raben normalerweise zurückkehren. Die Leute versammelten sich also im Wald, setzten oder legten sich hin und hörten den Klang von 2000 Raben wie sie zu ihren Schlafplätzen zurückkehren, als es schon komplett dunkel war."

- Chris Watson


20