Bayern 2 - Zündfunk


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Thänk you for träwelling - and bye bye! Wenn Orte von der ICE-Verbindung abgeschnitten werden

München-Berlin in vier Stunden! Toll - wenn man in Berlin oder München wohnt. Für Jena, Saalfeld oder Lichtenfels bedeutet die Umstellung jedoch: Bummelzüge... und ein Gefühl der Abgehängtheit. Florian Fricke hat sich auf eine Reise gemacht, die bald der Vergangenheit angehört.

Von: Florian Fricke

Stand: 15.11.2017

„VDE 8“ – hinter dieser kryptischen Abkürzung verbirgt sich eine der größten Verkehrsinfrastrukturmaßnahmen seit der deutschen Wiedervereinigung. In ihrem Zuge wird die Landeshauptstadt Erfurt als neuer Bahnknotenpunkt etabliert und zwischen Leipzig und Nürnberg Ende 2017 eine neue ICE-Strecke eröffnet. Die Fahrzeit Berlin – München wird sich von sechs auf vier Stunden verkürzen. Eine Segnung für die urbane Elite in den Metropolen – aber ein bitterer Verlust für die kleineren Städte, die fürs Erste vom Fernverkehr der Bahn abgehängt werden. Jena, die Vorzeigestadt in den neuen Bundesländern, die Kreisstadt Saalfeld im Saaletal und Lichtenfels, die kleine Boomtown in Oberfranken.

Bereits 2015 stellte die Bahn ihr neues Fernverkehrskonzept vor, die laut dem Lok-Magazin „größte Kundenoffensive in der Geschichte des DB-Fernverkehrs“. Die Vernetzung der Metropolen wird immer wichtiger. Die Bahn schafft neue ICE-Züge an, aber auch neue zweistöckige IC-Züge, die nahezu alle Großstädte, also Städte über 100.000 Einwohner, im Zweistundentakt verbindet. Über 190 neue Direktverbindungen sollen entstehen, die Preise sollen erschwinglich sein. Aber zwischen Nürnberg und Leipzig soll sechs Jahre lang kein Fernverkehrszug halten.

"Wenn sich jemand aus China oder aus Indien für einen Studienort in Deutschland entscheiden soll, spielen solche Erreichbarkeiten möglicherweise eine große Rolle. Dann ist die Qualität der Universität vielleicht gar nicht das erste Kriterium. Gleichermaßen sprechen wir auch von den Verbindungen innerhalb Deutschlands, und dann sprechen wir auch von Wirtschaftsunternehmen, die sich die Frage stellen, wie komme ich von einer Filiale in die andere, oder wo errichte ich mein Headquarter? Gehe ich nach Berlin, Hamburg, Leipzig oder bleibe ich in Jena? Diese Fragen werden tatsächlich gestellt."

Klaus Bartholmé, Kanzler Friedrich-Schiller-Universität Jena

Je weniger Infrastruktur, desto größere Chancen für Rechtspopulisten

Was bedeutet dieser Verlust für die Betroffenen? Eine französische Studie hat gezeigt, wie sich das Fehlen von öffentlichen Dienstleistungen auf die Wahlergebnisse für den Front National auswirken, der Partei am rechten Rand unter der Vorsitzenden Marine Le Pen, die keine schlechten Aussichten hat, Präsidentin zu werden. Laut dieser Studie hat dabei den größten negativen Effekt das Fehlen eines Postamts, gefolgt vom Supermarkt, der Bank, dem Restaurant, der Apotheke, dem Arzt, dem Fleischer, dem Bäcker. Vor allem bei Gemeinden unter 500 Einwohnern zeichnet sich ein klares Bild. Gab es noch sechs Dienstleistungen vor Ort, kam der Front National im Schnitt auf rund 23 Prozent bei der Europawahl 2014. Fehlen sämtliche Dienstleistungen, dann kam er auf rund 31 Prozent. Je weniger Infrastruktur also, desto mehr Prozent für die Rechtspopulisten.

Beispiel Saalfeld

In Saalfeld liegt das Abgeordnetenbüro von Katharina König. Zusammen mit ihrem Vater Lothar König ist sie eine der stärksten Stimmen gegen rechts in Thüringen. Sie wohnt in Jena und fährt nur mit öffentlichen Verkehrsmitteln.

"Nach Saalfeld geht’s noch, da fahren ganz gute Regionalverbindungen. Aber alles was ins Überregionale reicht – in meinem Fall NSU-Prozess in München oder die Koordinierungstreffen der NSU-Untersuchungsausschüsse in Berlin: Man muss nach Erfurt, um nach Berlin oder München zu fahren, wenn man den ICE nehmen will. Oder man nimmt den Bummelzug und fährt dann sechs oder sieben Stunden. Oftmals fehlen auf diesen Zugstrecken die Internet- und sogar die Telefonverbindung – es nervt einfach. Und es kann nicht sein, dass öffentlicher Fernverkehr eine Frage des Gewinnes für die Deutsche Bahn ist."

Katharina König, Die Linke

An diesem Abend findet auf dem Marktplatz in Saalfeld eine Demonstration von THÜGIDA statt, dem Thüringer PEGIDA-Ableger. Eine von drei Gegendemonstrationen hat Katharina König angemeldet. Es gibt ein buntes Bündnis aus der Zivilgesellschaft, den Parteien und der Wirtschaft, die sich dem braunen Sumpf entgegen stellen. Wenn Saalfeld wegen der verschlechterten Anbindung an Attraktivität verliert, wird sich zeigen, ob die Stadt diese Kräfte halten kann.


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