Frank Apunkt Schneider Erfahrungen mit der Totalbevölkerung
Totalbevölkerung ist machbar. Um sie zu erreichen, bedarf es eines Hochhauskomplexes, der die Erdoberfläche bedeckt. Auf dem Dach züchten wir Nahrung, in Tanks sammelt sich Regenwasser. Jeder hätte 12,5 qm Platz. Das muss reichen.
Am Wiener Fleischmarkt steht das Ambulatorium für Sexualmedizin und Schwangerenhilfe, im Volksmund "Abtreibungsklinik" genannt. In der Nähe betreiben ihre Gegner und Gegnerinnen von Pro Life einen Infostand, gleich neben dem der People for the Ethical Treatment of Animals: kurz PETA, eine Tierrechtsorganisation, die Massentierhaltung gerne mit dem Holocaust vergleicht.
Beide Stände verfolgen unterschiedliche Anliegen, und trotzdem wollte die Kunstgruppe monochrom, der ich angehöre, herausfinden, was sie verbindet und wo ihre gemeinsame Schnittmenge liegt. Dazu gründeten wir eine eigene Initiative. Sie sollte Ziele vertreten, die für beide in gleichem Maße indiskutabel sind: Wir nannten unsere Initiative MOBUTOBE: Monochroms BürgerInneninitiative zur Erreichung der Totalbevölkerung.
Die Totalbevölkerung ist die größtmögliche Anzahl von Menschen, die auf der Erde leben können. Der Science-Fiction-Autor und Biochemiker Isaac Asimov hat 1971 errechnet, dass es auf der Welt 20 Billionen Tonnen lebende Zellen gibt. Das ist ein maximaler Wert. Mehr geht nicht.
Zehn Prozent davon entfallen auf tierisches Leben: Einzeller, Insekten oder Menschen. Und die sind heterotroph. Das heißt, sie leben unter anderem von Pflanzen, die wiederum Sonnenenergie in chemische Energie umwandeln. Die berühmte Photosynthese. Die Pflanzenmasse, die diese Photosynthese leistet, hängt von der Menge der Sonneneinstrahlung ab. So lange die Sonneneinstrahlung nicht erhöht wird, kann es auch nicht mehr Pflanzen geben, und solange es nicht mehr Pflanzen gibt, die die tierische Zellmasse ernähren, kann sich diese auch nicht vermehren.
Teilen mit Tieren
Wir Menschen müssen uns unsere maximal zehn Prozent Anteil an der Gesamtbiomasse noch mit den Tieren teilen. Unserem Wachstum sind also enge Grenzen gesetzt. Immerhin können wir diese Grenze zumindest zu unseren Gunsten verschieben, nämlich indem wir die Tiere abschaffen, um die Pflanzen endlich ganz für uns alleine zu haben. So könnte die Erde nämlich jene 40 Billionen Menschen ernähern, die sie maximal ernähren kann. Sie entsprächen der Gesamtmasse tierischen Lebens. Doch davon sind wir noch weit entfernt, nicht nur wegen militanter Tierrechtsorganisationen.
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Und trotzdem: Totalbevölkerung ist machbar. Um sie zu erreichen, bedarf es eines Hochhauskomplexes, der die gesamte Erdoberfläche bedeckt. Auf dem Dach züchten wir Nahrung: im Wesentlichen Algen, die sind am effizientesten. In Tanks sammelt sich das Regenwasser. Leitungssysteme bringen beides in die darunter liegende Etage, in der wir wohnen.
Jeder von uns hätte dort - bei einer Bevölkerungsdichte von 80.000 Menschen pro Quadratkilometer - zwölfeinhalb Quadratmeter Platz. Das muss reichen. Unsere Abfälle: Also Fäkalien und Kadaver werden ins Untergeschoß geleitet, wo sie zu Humus werden, der dann wieder den Algen zugeführt wird. Und so weiter. Ein perfektes System. Kein Gramm Biomasse und kein Zentimeter Platz würde vergeudet.
Eine Woche nach Gründung unserer Initiative besuchten wir die beiden Infostände, um mit ihnen über unsere Ziele zu sprechen. Bei Pro Life stießen wir auf offene Ohren. Sie luden uns ein, unsere Flugblätter neben ihren zu platzieren. Ein unerwarteter Synergieeffekt. Aber gut, irgendwie waren wir ja auch pro life. Und gegen die Vergeudung. Dass die Leute am PETA-Stand ebenso aufgeschlossen waren und wir auch dort unser Pamphlet auflegen durften, war aber doch ein wenig … spooky. Wollen wir tatsächlich alle das Gleiche? Und wenn ja, wer soll uns dann daran hindern?
Der Autor
Frank Apunkt Schneider
geboren 1969, zwei Kinder, Dipl. Germanist, lebt zurzeit als unfreier Autor, unfreier Künstler und Hausmann in Bamberg. Er ist Mitglied der KünstlerInnengruppe monochrom (www.monochrom.at) und schreibt u. a. für Testcard, Skug, Bad Alchemy, Zonic und Intro. Im Herbst 2007 ist sein Buch "Als die Welt noch unterging. Von Punk zu NDW" im Ventil-Verlag erschienen.

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