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Freigelassene Journalistin Meşale Tolu Wie Enthüllungsjournalist Günter Wallraff in der Türkei zum Aktivisten wird

Im April wird die Journalistin, Übersetzerin und Aktivistin Meşale Tolu festgenommen. Am Montag kommt sie nach langer Odyssee frei, im April soll ihr Prozess festgesetzt werden. Der Enthüllungsjournalist Günter Wallraff hat Meşale Tolus Prozess begleitet. Ein Anruf in Istanbul.

Von: Bärbel Wossagk

Stand: 18.12.2017

Günter Wallraff vor dem Justizgebäude Caglayan in der Türkei | Bild: picture-alliance/dpa

Der 75-jährige Journalist und Autor Günter Wallraff begleitet seit Wochen die Prozesse gegen inhaftierte Journalistinnen und Journalisten in der Türkei.
Das Telefon klingelt nur ein einziges Mal, dann hebt Günter Wallraff ab. Ein schnelles Hallo, ein noch schnelleres: "Nehmen Sie auf“? Und der Journalist und Autor legt los.

Wie geht es Ihnen denn heute?

Och, nach so einem Tag bin ich erst mal froh entspannt und glücklich, dass sie frei ist und mit ihrem Sohn zusammen sein kann. Es war allerdings ein Freispruch zweiter Klasse. Sie hat Auflagen, muss sich einmal in der Woche melden, darf nicht Verreisen, sie darf Deutschland nicht besuchen. Sie will aber auch weiter hier bleiben, um aufzuklären.

Was bedeutet die Entscheidung Meşale Tolu freizulassen heute - ist das endgültig?

Sie ist freigelassen, aber nicht freigesprochen. Man will das Gesicht wahren - auch Deutschland gegenüber. Es ist damit zu rechnen, dass Deniz Yücel auch in den nächsten zwei Monaten frei kommt, unter Auflagen.

Erdogan ist sehr unter Druck. Die Wirtschaft geht zurück, der Tourismus ebenfalls und ich habe den Eindruck er will deutschen Gefangenen gegenüber nachgeben. Man kann nicht von einem rechtsstaatlichen Prozess sprechen. Das heute war eine reine formale Geschichte. Es war schon vorher beschlossen, dass sie frei kommt. Wie Yücel war sie eine Geisel, die man austauschen wollte - Vorgänge, die sonst bei der Mafia möglich sind. Und man darf auch sonst nicht vergessen: es sind 150 türkische Journalistenkollegen weiterhin im Gefängnis. Dazu kommen noch insgesamt 50.000 politische Gefangene, wobei das nur die offiziellen Zahlen sind, man geht hier von 80.000 Personen aus. Die Gefängnisse platzen aus allen Nähten, neue Gefängnisse werden gebaut. Das ist ein Sektor, der boomt. Nach wie vor ist das ein Unrechtsstaat und Erdogan versucht einen islamofaschistischen Staat zu errichten. Das darf man nicht vergessen.

Reicht es Erdoğan zu kritisieren um selbst in Gefahr zu geraten?

Es kann jeden treffen, aber es muss nicht. Es hat eine abschreckende Wirkung. Denunziation ist an der Tagesordnung. Es trifft Wissenschaftler, Lehrer, Gewerkschafter. Ich habe eine Gewerkschafterin als Gast bei mir wohnen, der auch Gefängnis drohte. Es ist Willkür - was man Justiz nennt, ist ein Vorwand. Mein Eindruck ist: Die Richter wissen schon vorher, wie die Urteile auszusehen haben und Erdogan zitiert Richter und Staatsanwälte regelmäßig in seinen Palast, um klar zu machen, was Sache ist. Und wenn jemand ein Urteil spricht, wie zum Beispiel der Freispruch gegen Can Dündar, dann wurde dieser Richter sofort seiner Stelle enthoben und verlor seinen Beruf. Von daher traut es sich auch kaum mehr ein Richter ein Urteilsspruch zu fällen, der Erdoğan nicht passt.

Die deutsche Politik ist viel zu zurückhaltend. Im Wahlkampf ja nicht. Es war richtig erfrischend, wie deutlich einzelne Politiker wurden, aber jetzt begehen sie wieder Leisetreterei.

Sie sind seit Jahren Kritiker des türkischen Präsidenten Erdogan und machen da auch keinen Hehl daraus - viele Deutschtürken wiederum, das wissen wir spätestens seit dem Referendum, unterstützen Erdoğan. Andererseits genießen Sie einen ganz großen Ruf bei den Deutschtürken, seit Ihrem Buch “Ganz unten”. Glauben Sie, dass sie deswegen Einfluss nehmen können?

Genau deswegen mache ich das auch. Ich sehe da eine Verpflichtung. Für viele bin ich immer noch "ihr Ali". Es ist eine Ehre, dass sie mich als einen der ihren ansehen. Manche haben mit dem Buch "Ganz unten" Deutsch gelernt. In meinem Innersten sind die zwei Jahre der Entwürdigung, der Ausbeutung und des Rassismus, den ich miterfahren habe immer noch präsent. Wenn ich in Deutschland angesprochen werde, dann komme ich immer sehr schnell auf ihre Position "Wie steht ihr zu Erdogan?" und wenn sie den dann hochleben lassen, wenn sie ihn als ihren Vollstrecker, Rächer und Heilsbringer sehen, dann geraten wir auch in Streit. Allerdings führt das nicht zu Handgreiflichkeiten. Ich will ja auch was erreichen, mich einzumischen und auch zu schlichten.

Jetzt haben wir mitbekommen, dass man als Deutscher Staatsbürger und Journalist nicht sicher ist in der Türkei. Sie nehmen allem Anschein nach auch in Kauf verhaftet zu werden - wen würden Sie sich als Prozessbeobachter für Ihren eigenen Prozess wüsnchen, wenn es soweit kommt?

Das weiß ich doch nicht. Da mache ich mir doch überhaupt keine Gedanken drüber. Ich bin da immer sehr unbekümmert. Eine gewisse Naivität bewahre ich mir. Ich mache ja nichts Falsches, ich sage nur meine Meinung - und da bröckelt es hier auch. Ich sehe, dass das System hier erodiert. Ich gebe dem hier noch fünf Jahre. Erdogan soll sich schon mal nach einem Asylplatz umsehen. Da soll er sich schon mal ein Plätzchen suchen.

Dieser Text wurde am 19.12. aktualisiert, nachdem Meşale Tolu am Vorabend nicht wie vom Gericht angekündigt die Untersuchungshaft verlassen konnte, sondern erst nach Stunden freigelassen wurde.


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