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Alm oder Alptraum? Almhütten in der Stadt: ein fettes Geschäft in unserer anonymen, kalten Zeit

Die Hüttenromantik boomt! Überall, sogar in der Stadt. Über zehn Almhütten stehen in München, aufgebaut aus Holz, Rehgeweihen und Lammfellen. Unsere Autorin hat versucht, dem "Almhütten-Feeling" nachzuspüren.

Von: Alexandra Martini

Stand: 30.11.2017

Das Innere einer transportablen Almhütte. Solche Hütten stehen mittlerweile überall. Diese hier steht in München Riem. | Bild: Alm das Beste GmbH & Co KG

Ich gehe durch die Drehtür des Hotel "Le Meridien" am Münchner Hauptbahnhof. Im matt erleuchteten Innenhof versuche ich mich gegen die aufkommende Langeweile zu wehren, die mir an diesem Ort entgegenschlägt: ein künstlich angelegter Kiesweg führt vorbei an einem überdimensionierten Weihnachtsbaum mit noch überdimensionierteren Weihnachtskugeln direkt zu auf die Hütte. Entschuldigung - "The Hut". Das steht in fetten Lettern über der Tür. Ich soll mal was über diesen Trend machen, hat meine Redaktion mir gesagt. Warum die Almhütten jetzt runterkommen in die Stadt. Ich bemühe mich erstmal, eine interessante Beschreibung hinzulegen: Geweihe hängen über den Fenstern, die Fensterläden mit den klassischen Herzchen drin, ein Wagen steht vor der Tür mit Pseudodecken drin und... ein Holzstamm.

Eine echte Almhütte! Mit authentischem Türknarzen!

Hat nicht so geklappt. Egal, rein da. Authentisches Türknarzen. Gibt es eigentlich Firmen, die sich auf scheinbar echt knarzende Scharniere spezialisiert haben? Hier ist das Knarzen die Sound-ID für alles, was diese Hütte sein will: ein rustikaler Alm-Orgasmus. Nur die bunten Scheinwerfer an der Decke passen nicht dazu. Drei der sechs Tische sind besetzt, an einem reden sie englisch. Amerikanische Gäste, erklärt man mir. "Das heißt, Sie zeigen Sie Ihren amerikanischen Freunden das äh…" - "Traditionelle München." – "Aber das ist ja gar nicht München, das ist ja Tirol?" – "Ja, aber man baut‘s halt nach."

Aha. Macht eigentlich keinen Sinn. Wurscht. Der Amerikanerin ist das egal. Es sei sehr idyllisch - "and the beer is good."

Fondue, weil Hüttenfeeling

Mmmmh... das duftet! Käsefondue gehört offenbar laut "The Hut" zum Hüttenfeeling

Die Mittdreißger am Geburtstagstisch nebenan trinken Glühbier. Wie's schmeckt? "Wie Glühwein." Ist aber mit Bier. Ich versuch's mit einem schlechten Witz: "Ihr seid auch ganz blass. Ihr habt keinen Aufstieg hinter euch, keine roten Backen." – "Das ist die Informatikerbräune." Witze so lau wie ein Pichelsteiner Eintopf. Apropos Essen - die Kellnerin wirbt mit der Speisekarte: diese Hütte ist eines der wenigen Restaurants, in denen es Fondue gibt! Weil's sonst immer so stinkt und unangenehm ist, klärt sie mich auf. Und hier stinkt's nicht so? "Nee. Keine Ahnung, warum. Wir bieten es zum Glück an, weil es dieses Hüttenfeeling ist. Winterzeit auf der Alm, Fondue, Champagner..." Am Nebentisch wird gerade Trüffelfondue verspeist. Es seien Businessgäste, die hierher kämen und dann auch etwas "lockerer" würden. Lockerer? "Sakko aus, dann trinken sie mal ein Bier, Hemdknöpfe auf."

Ich stelle mir vor wie ein "Businessgast" der den ganzen Tag unter einem engen Hemdknopf eingezwängt in einem Großraumbüro gesessen hat am Abend in der Almhütte diesen Hemdknopf löst. Das muss ein Freiheitsgefühl sein. Vielleicht ähnlich wie das, was ich gerade empfinde: Tschüss! Raus aus der Hütte. Das war vielleicht mau. Ich suche verzweifelt nach einer Metabene: was bedeutet das alles? Irgendein schlauer Satz über unsere Gesellschaft muss mir einfallen, am besten kapitalismuskritisch. "Almhütten: Der Ausverkauf der Tradition" oder so.

"Ein positiver Downgrade in einer wahnsinnig schnellen Zeit"

Caterina Beck von Peccoz 2014 zwischen den Alm-Fans Michael Käfer (li.) und Prinz Franz von Auersperg. Die neue Käfer Alm wurde hier eingeweiht.

Caterina Beck Freiin von Peccoz ist die Geschäftsführerin der Firma "Von Alm das Beste Gmbh & Co KG" und vermietet Almhütten in ganz Europa. Sie versucht mir das Feeling zu beschreiben: "Authentisch und ehrlich. Ein ehrliches Lebensgefühl und wie gesagt ein positiver Downgrade in einer wahnsinnig schnellen Zeit." Wir treffen uns in ihrer Aushänge-Almhütte in Riem, einem 1000 Quadratmeter-Trum, oder anders gesagt: im "geballten alpenländischen Charme umhüllt von einer echten Holzfassade", wie sie ihre Hütten auf der Website beschreibt. "Man kann hier die Apres-Ski-Nummer fahren," erklärt sie. "Aber meistens geht's in Richtung schöne Weihnachtsfeiern oder alpenländisch-schick. Wir haben hier auch schon Sand aufgeschüttet, die Deko von den Wänden genommen und eine Beachparty gefeiert."

Caterina Beck Freiin von Peccoz ist wirklich sehr nett. Sie ist 42, und vermietet zur Zeit 32 mobile Almhütten. Der Tag kostet ein paar tausend Euro, so genau kann sie es mir leider nicht sagen. Und sie hat halt einfach ein fettes Geschäft entdeckt in unserer anonymen, kalten, sterilen Zeit. Und daran ist eben aaaalles echt. Das Holz ("Vollholzmöbel!"), die Inneneinrichtung ("Krickerl, Geweihe, Schützenscheiben, alte Lederhosen...") und sogar die Geschäftsführerin ("Ich bin halbe Österreicherin und komme selbst aus einer Brauereifamilie").

Ich gebe auf. Sollen sie doch alle in ihren Almhütten sitzen und Hochzeiten, Weihnachtsfeiern oder Businessevents abhalten. Ich bin jetzt auf jeden Fall downgegradet. Reif für ein ein Glühbier. Es bleibt: ein lieblicher Gestank von Fondue.


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