Bayern 2 - Zündfunk


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Album der Woche: SZA SZAs sophisticated R&B ist die Musik der Gegenwart

Welcome back, Understatement! SZA erneuert den R&B. Mit ihrem Neo-Soul-Album "Ctrl" setzt sie einerseits das Werk ihrer Vorbilder Björk, Wu-Tang Clan und Lauryn Hill fort, und kehrt andererseits in den Texten ihr Innerstes nach außen, erzählt von Ängsten, Zweifeln und Problemen. Dicke Hose war gestern - SZA zeigt Mut zur Schwäche.

Von: Roderich Fabian

Stand: 29.01.2018

Ein Kontrollverlust wäre tödlich, sagt Solána Imani Rowe gleich am Anfang ihres Albums. Die Angst, den Überblick über das eigene Leben zu verlieren, prägt dann auch die Texte dieser Platte. Solána, also SZA - wie sie sich in Anspielung auf den Wu-Tang-DJ RZA nennt - ist sich völlig im Klaren darüber, wie leicht man sich in der überhitzten Maschine des amerikanischen Showbiz verlieren kann. Als Künstlerin Songs zu schreiben, das ist nur die eine Seite dieses Geschäfts - die andere ist Marketing, Business-Pläne, Investitionen und Beziehungen. Aber die Texte will sie möglichst persönlich halten. Im ersten Track "Supermodel" erinnert sie den Mann, den sie gerade verlässt, dass sie sein Supermodel hätte sein können - wenn er sie nur so hätte SEHEN wollen.

Den Schönheitswahn, der Liebesbeziehungen so dominiert, macht SZA immer wieder zum Thema. "Müsste ich besser aussehen, um ihm zu gefallen", fragt sie sich im Track "Drew Barrymore", in dem die Schauspielerin gar nicht vorkommt. Es war nur der 92er-Drew-Barrymore-Film "Poison Ivy", der sie zu diesem Song inspiriert hat - die Geschichte von zwei jungen Frauen, die aus unterschiedlichen Gesellschaftsklassen stammen. Und wenn sie dann ihrem Typen sagt, dass sie leider nicht so Lady-like sein kann, wie er es sich vielleicht wünscht, dann ist das keine Entschuldigung. Sie hält ihm vielmehr seine eigenen Klischeevorstellungen vor.

Hochglanz-Gediegenheit statt schnell gemachtem Indie-Kram

SZAs Musik wird Neo-Soul oder Alternative R&B genannt. Langsames Tempo, Songs über die Liebe, akustische Elemente, dabei aber nie anbiedernder Schmalz, sondern reflektierte Gedanken über komplexe Beats und Soundflächen, gebaut von einer ganzen Reihe diverser Produzenten. In dieser Liga wird eben nichts dem Zufall überlassen. Denn: "Ctrl" - das ist auch ganz klar: Hochglanz-Gediegenheit, State-of-the-Art-Musik, kein schnell gemachter Indie-Kram.

Albumcover "Ctrl"

Alles in allem ist die Gästeliste auf SZAs Album überschaubar. Aber Kendrick Lamar ist auf einem Track dabei, die Nummer Eins im amerikanischen HipHop. Das garantiert Aufmerksamkeit, die man für ein Debüt-Album in dieser Liga braucht. Aber SZA ist nicht davon abhängig, hat ihren ganz eigenen Stil. Bei den akustischen Balladen kommt einem manchmal die eigentlich längst vergessene Folk-Rockerin Joan Armatrading in den Sinn und bei jedem leichten Anflug von Reggae natürlich die Fugees. Und dann wäre da ja noch der Jazz.

Tatsächlich, obwohl dies eine von HipHop-Produzenten aufgenommene Platte ist, erinnert hier viel an den eleganten Jazzfunk von damals bis heute, also von Weather Report bis Robert Glasper. "Ctrl" macht es dem Hörer mit diesem sophisticated R&B nicht so leicht, fällt nie mit der Türe ins Haus, kommt immer um die Ecke zum Ziel. Genau das macht das Album so besonders. SZA ist jetzt 27, seit sieben Jahren im Geschäft,  bekennende Muslimin, bestens vernetzt, in der Oberliga angekommen. Ist sie die Zukunft? Nein, sie ist die Gegenwart.


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