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Das Album der Woche: Call Super Ein Techno-Album für die Freiheit der Clubkultur

Clubkultur, das war mal Diversität und Freiheit. Dafür kämpft der Brite Call Super – musikalisch und clubpolitisch. Sein zweites Album "Arpo" lässt der Sohn eines Klarinettisten uns aufatmen: Gut, dass Call Super das Studium der internationalen Politik an den Nagel hing.

Von: Ralf Summer

Stand: 11.12.2017

Dies ist die Geschichte eines Musikers und einer Platte, wie sie fast zu schön ist, um wahr zu sein: Joseph Seaton stammt aus einer englischen Maler-Familie. Sein Großvater gründete in den 50ern in Spanien eine Zeichenschule. Sein Vater ist Kunst-Professor und spielt in einer Dixieland-Kapelle. Seine Mutter kämpft für die Rechte von Hausbesetzern. Und auch der Sohn beginnt in London Kunst zu studieren - und internationale Politik. Doch nicht lange. Dann holt ihn die Musik ein.

Als er Laurent Garnier beim Auflegen sieht, will er selbst DJ werden. Vor zehn Jahren zieht er nach Berlin. Er nennt sich Call Super und veröffentlicht sein erstes Album. Es heißt "Suzi Ecto". Das war als Kind sein Fantasiename für die Krankenschwester, die seiner Mutter prophezeite, daß ihr Sohn bald an einer Krankheit sterben würde. "Ecto" ist aber auch ein britischer Slang-Begriff für "Pille". Die er gerne genommen hat, beim Raven.            

After Hour Techno für die Heimanlage

Joseph Seaton aka Call Super

Seit zehn Jahren lebt Joseph Seaton nun in Berlin. Mit seinem zweiten Album scheint ihm nun der Durchbruch zu gelingen: "Arpo" wurde "Album Des Jahres" im DJ Mag gewählt. Dass Heston sich in seiner Wahlheimat wohlfühlt, kann man im Video zu dem Stück "I Look…" sehen. Da folgt die Kamera einer Partyclique durch eine Nacht voller Freiheiten in Berlin. "Man kann hier eine Blues Nummer oder eine Reggae-Scheibe im Club auflegen und sie in ein Techno-House-Set einbauen - die Leute werden dazu tanzen", so Joseph Seaton. Als er im Winter im Berghain spielte, wurde er als "Sohn eines Jazz-Klarinettisten" angekündigt. Der Vater kam auch zum Gig - und sein Sohn sampelte ihn für drei Stücke auf dem Album.

Call Super ist eines der größten Talente der derzeitigen Elektronik-Szene. Sein Sound dürfte Fans von Four Tet, Roman Flügel oder Jan Jelinek gefallen. Für alle die es jazzy, fricklig und - abstrakt - tanzbar mögen. Aber in seinem Studio in Berlin-Neukölln, erzählt er englischen und amerikanischen Magazinen, denke er jeden Tag auch an den Tod. Vielleicht liegt es daran, so Call Super, dass er als Kind an einer lebenserhaltenden Maschine hing - mit Asthma.

Call Super bringt unser Nachtleben back to the roots

Das Albumcover vom "Arpo"

Joseph Seaton nennt sich nicht nur Call Super, er macht auch unter den Namen Ondo Fudd oder Elmo Crumb seine Version von Techno. Er liebt die Freiheit der Clubkultur und kämpft mit seinen Mitteln für ihre Vielfalt. Im Interview mit dem Groove-Magazin kündigte er an, dass er künftig nicht mehr auf Parties auflegen will, auf denen nur Djs spielen, die weiß und männlich sind. Damit wolle er erreichen, dass die Booker ein durchmischteres Publikum anziehen.

Früher, so Call Super, sei es in den Clubs weniger normiert zugegangen. Viele könnten sich das Nachtleben heute gar nicht mehr leisten. Vielleicht kann er einen Anstoß geben, Parties wieder bezahlbarer und vielfältiger zu machen. Und wir sind dankbar, dass Joseph die alte Tradition der Seatons unterbrochen hat und nicht Maler geworden ist. Denn das selbstgemalte Cover von "Arpo" ist das einzig nicht aufregende an diesem beeindruckenden Werk zeitgenössischer Clubmusik für Zuhause.


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