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Syrien-Aktivist Abdalaziz Alhamza "Nicht Bomben, sondern das Internet wird den IS besiegen"

Im Bürgerkrieg in Syrien gehörte die Initiative "Raqqa is Being Slaughtered Silently" (RBSS) zu den zuverlässigsten Quellen: die Bürgerjournalisten haben Informationen aus dem IS herausgeschafft und wurden dafür unter anderem mit dem International Press Freedom Award ausgezeichnet. Ein Treffen mit dem Mitgründer Abdalaziz Alhamza.

Von: Sammy Khamis

Stand: 28.11.2017

Der Aktivist Abdalaziz Alhamza | Bild: Oslo freedom forum

Hinter Abdalaziz stehen an diesem Samstag in Berlin fünf Personenschützer. Manchmal raucht er eine Zigarette mit ihnen, manchmal bittet er sie um Hilfe, manchmal vergisst er, dass sie überhaupt da sind. "Sicher fühle ich mich nirgends", sagt er dann. "Der IS sucht nach mir. Wo immer ich auch bin - passieren kann mir immer etwas. Ich kann nicht sagen, dass ich mich unsicher fühle, ich möchte aber auch nicht sagen, dass ich überall safe bin."

Die Geschichte von Abelaziz al Hamza, dem jungen Mann aus Raqqa, der es mit dem IS aufgenommen hat, wird oft erzählt. Abdalaziz und einige Freunden haben sich zusammengeschlossen und "Raqqa being slaughtered silently" genannt – kurz RBSS. 2013 haben sie begonnen, über Syrien zu berichten. Seitdem stehe auch ich in regelmäßigem Kontakt zu ihnen – um Bilder aus Syrien zu verifizieren, um Namen zu überprüfen oder wenn ich Fragen zu Videos des IS habe.

Das Narrativ des IS zerstören

Diese Videos gibt es immer öfter: Man sieht eine unscheinbare Straßenszene in Raqqa im Sommer 2015. Eine Schlange wartender Menschen vor einer Bäckerei – das ist alles sehr unspektakulär, dabei sind es diese Bilder, die die Propaganda des IS widerlegen. Die Idee, dass im Kalifat alles im Überfluss zu haben war – von Wasser und Brot, bis Nutella und Frauen – wird so zerstört. Keiner konnte solche Videos filmen – nur RBSS. Und keiner konnte das Narrativ des IS so zerstören, wie die Gruppe um Abdalaziz.

Jetzt stehen Abdalaziz und ich an einem verregneten Berliner Novembernachmittag vor einem Seminarraum – Abends wird Abdalaziz einen Vortrag halten. Darin erzählt er, dass der IS zwei seiner Kollegen, vor allem aber zwei seiner Freunde, in der Türkei gezielt hingerichtet hat. Und er spricht von seiner Heimatstadt, nach der Zeit mit dem IS: "Eine Befreiung war es nur für die Medien - die Bevölkerung vor Ort muss entscheiden, ob sie sich befreit fühlt und das tut sie nicht." Diese Menschen, sagt er, erzählen davon, dass sie einen Albtraum durchleben mussten, mit Bomben, Explosionen und vielen Toten. "90 Prozent der Stadt sind heute zerstört. Jeder hat in der Befreiungsaktion etwas oder jemanden verloren: Häuser, Familienmitglieder."

Das Zuhause des IS ist das Internet

Das letzte Mal haben Abdalaziz und ich und Emails geschrieben, als Raqqa gefallen ist. Er war damals erleichtert - und verunsichert. Er meinte: Nicht Bomben, sondern das Internet werde den IS besiegen. Das Netz, sagt Abdalaziz, habe die Islamisten groß gemacht. Einmal hat mir Abdalaziz ein Propagandavideo des IS geschickt. Das war 2014. Die Kamera, die Ästhetik, der Sound – alles erinnerte mich an das Computerspiel GTA – nur war es echt, hyperreal, sozusagen. Das Netz ist der Ort, an dem der IS noch länger sein Zuhause haben wird, meint Abdalaziz: "Der IS hat seine Ideologie über das Internet verbreitet - so haben sie Menschen von sich überzeugt und rekrutiert." Es gab keine Tour, keine vermehrten Besuche in unterschiedlichen Ländern, der IS hat keine Konferenzen abgehalten, das Internet ist die größte Plattform. Was kann seine Gruppe dagegen unternehmen? "Uns geht es jetzt darum dem IS online etwas entgegenzusetzen. Wer kämpfen will, der muss ihre Ideologie mit einer anderen ersetzen." Für Raqqa being Slaughtered Silently ist eine Antwort Bildung, also die Möglichkeit, ein Bewusstsein für die Machenschaften und Strategien des IS zu schaffen, damit Menschen eben nicht radikalisiert werden. Wie das genau aussehen kann, wird Abdalaziz später zeigen: Ein neuer Film der Gruppe kommt demnächst in die Kinos. "City Of Ghosts" heißt er – Geisterstadt – und meint die Geburtsstadt von Abdalaziz – Raqqa.

Die Geisterstad, City Of Ghosts, ist Raqqa. Country Of Ghosts, das Geisterland, sozusagen, das bleibt Syrien. Denn auch wenn der IS kaum mehr Land hält – die syrische Regierung wackelt nicht, meint Abdalaziz. "Wenn Du zehn Syrer in Deutschland fragst, dann sagen acht, dass sie vor Assad geflohen sind. Fluchtursache ist Bashar al-Assad und der bleibt unangetastet. Wenn Assad und seine Regierung gestürzt sind, dann bin ich einer der ersten, der zurück nach Syrien geht."


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