Bayern 2 - Zeit für Bayern


3

"Mi würgt der Wind" Kulturgeschichte des bayerischen Wetters

Das Wetter als Freizeitfaktor zu betrachten, ist – gerade in einer traditionell landwirtschaftlich geprägten Gesellschaft wie der bayerischen – etwas relativ Neues. Über Jahrhunderte hinweg spielte das Wetter eine existenziell wichtige Rolle. Dem entsprechend intensiv haben es die Menschen von frühester Zeit an beobachtet.

Von: Herbert Becker

Stand: 04.08.2013 | Archiv

Die Menschen haben versucht, aus dem Verhalten von Tieren und Pflanzen auf das kommende Wetter zu schließen, sie haben ihr Augenmerk auf Wolken und Wind, auf atmosphärische Erscheinungen und auf Planetenkonstellationen gerichtet, und sie haben versucht, Regelmäßigkeiten feststellen. Wo sie diese sahen, haben sie ihre Erkenntnisse in Reime gefasst und damit die Wetterregeln geschaffen.

Sonne und Wolken über Kloster Andechs | Bild: picture-alliance/dpa zum Thema Meteorologie und Wetter-Phänomene Wetter – faszinierend und chaotisch

Regen, Schnee, Sonnenschein, blauer Himmel, Hitze – das Wetter hat uns im Griff. Es bestimmt nicht nur, was wir tun, sondern oft auch unsere Laune. Doch sind viele Wetterphänomene noch nicht entschlüsselt, trotz intensiver Forschung. [mehr]

Obwohl diese Regeln zahlreiche Fehler und Ungenauigkeiten aufweisen, und obwohl das Instrumentarium, das den Meteorologen heute zur Verfügung steht, weit zuverlässiger ist, haben die Wetterregeln nach Ansicht vieler ihre Gültigkeit nicht verloren. "Das Wetter am Siebenschläfertag sieben Wochen bleiben mag" lautet eine häufig zitierte Regel, und ihr entsprechend richten sie am 27. Juni den Blick zum Himmel oder auf das Thermometer – und in der Tat ist es nicht ganz von der Hand zu weisen, dass die Regel eine gewisse physikalische Entsprechung findet.

Schafsherde im Regen | Bild: picture-alliance/dpa zum Artikel Bauernregel Wenn die frisch geschorenen Schafe frieren

Mitte Juni trifft uns immer wieder die sogenannte Schafskälte: Kalte Polarluft bringt Kälte nach Mitteleuropa. Doch wer denkt, es handle sich "nur" um einen Spruch, der hat sich geirrt. Die Bauernregel tritt zu 80 Prozent ein! [mehr]

Das Wetter beobachten ist das Eine, es beeinflussen zu wollen, das Andere. Die Zahl der diesbezüglichen Versuche ist unüberschaubar groß. Bei Flurumgängen fleht man die Wetterheiligen um günstiges Wetter an, um Blitzeinschlag zu verhindern, pflanzte man Hauswurz auf das Dach oder hängte geweihte Palmkätzchen in den Speicher, wollte man das Getreide vor Hagelschlag bewahren, vergrub man die Palmkätzchen – oder Eier, die die Hühner am Gründonnerstag gelegt hatten – auf dem Feld, braute sich ein Gewitter zusammen, läutete man die Kirchenglocken, schoss in die Luft und zündete schwarze Kerzen an.

Bekannte Lostage

Eisheiligen

Als Eisheilige werden die Tage vom 11. bis 15. Mai bezeichnet. Gerade in dieser Zeit kommt es häufig zu Kälteeinbrüchen, bedingt durch Nordwetterlagen mit arktischer Polarluft, die in Deutschland das Wetter bestimmen.

Da die Kaltluft von Norden einströmt, ist zuerst Nord-, dann Süddeutschland von der kalten Wetterlage betroffen: Während in Norddeutschland die Tage vom 11. bis 13. Mai als Eisheilige bezeichnet werden und Mamertus, Pankratius und Servatius heißen, kommen im Süden Deutschlands am 14. Mai Bonifatius und am 15. Mai die kalte Sofie dazu.

Die Eisheiligen sind deshalb so "berühmt", weil der mit ihnen verbundene Kälteeinbruch in eine frostempfindliche Wachstumsphase der Pflanzen fällt. Besonders nachts bringen die Eisheiligen oftmals Bodenfrost. Deshalb raten Gärtner viele Pflanzen erst nach den Eisheiligen ins Freie zu setzen oder zu säen.

Der Deutsche Wetterdienst (DWD) weist darauf hin, dass in den letzten Jahren die frostigen Kälteperioden im Mittel früher, also schon Ende April, auftreten. Deshalb wirken sie sich in den letzten Jahren nicht so stark auf die Pflanzen aus, da die Saat zu dieser Zeit noch nicht ausgesät wird und die Keimlinge noch nicht entsprechend weit sind.

Schafskälte

Die Schafskälte ist der Zeitraum vom 4. bis 20. Juni, in dem es häufig kalt und feucht wird. Ursache für den Kälteeinbruch ist die einfließende Polarluft. Geht man für die Schafskälte vom genauer eingeschränkten Zeitraum vom 10. bis 12. Juni aus, liegt die Wahrscheinlichkeit, dass es kaltes, wechselhaftes Schmuddelwetter gibt, bei 80 Prozent! Die Wahrscheinlichkeit, dass es regnet liegt, bei rund 55 Prozent.

Den Namen hat der Tag erhalten, weil die Schafe normalerweise bis zu diesem Zeitpunkt schon einmal geschoren wurden und die Kälte für die Tiere durchaus bedrohlich werden kann.

Siebenschläfer

Als Siebenschläfer gilt der 27. Juni. Es gibt zahlreiche Bauernregeln zu diesem Tag, die auf langjährigen Wetterbeobachtungen beruhen. Diese basieren darauf, dass sich im Zeitraum vom 27. Juni bis 8. Juli bestimmte Großwetterlagen einstellen, die von einer dauerhaften Lage des ostatlantisch-europäischen Jetstreams abhängen. Dieses ausgeprägte Starkwindband bestimmt je nach Lage, ob Feuchtigkeit und kühle Luft zu uns kommen oder ob es trocken und warm wird.

"Ist der Siebenschläfer nass, regnet's ohne Unterlass" – die Wahrscheinlichkeit, dass diese Bauernregel stimmt, liegt bei 62 Prozent, für kühles Wetter bei 70 Prozent.

Hundstage

Brütende, anhaltende Hitze – das sind die Hundstage. Sie sind benannt nach dem Fixstern Sirius. Sie bezeichnen ursprünglich den Zeitraum vom 23. Juli bis zum 23. August, wenn die Sonne im Tierkreiszeichen Löwe steht.

Vor 2.000 Jahren ging im alten Ägypten der Stern Sirius im Sternzeichen "Großer Hund" im August gemeinsam mit der Sonne auf und unter – deshalb wurde die Schönwetterperiode "Hundstage" genannt. Im Laufe der Jahrhunderte hat sich das Hochdruckgebiet zeitlich etwas verschoben.

Die Existenz der alten Ägypter war stark von Nilüberschwemmungen abhängig. Und sie wussten: Wenn der Fixstern Sirius aufgeht, dann kommt auch die Zeit der Überschwemmungen.

Die Dauer der Hundstage erklärt sich übrigens daraus, dass vom ersten Auftauchen des Sirius in der Morgendämmerung bis zum vollständigen Erscheinen des gesamten Sternbilds rund ein Monat vergeht. Die meisten anderen Sterne des Großen Hunds werden zu diesem Zeitpunkt vom Licht der Sonne noch überstrahlt oder sind teils noch gar nicht aufgegangen.

Altweibersommer

Eine beständige frühherbstliche Hochdrucklage mit angenehm warmen Tagen - das versteht man unter einem Altweibersommer. Besonders häufig gibt es diese sommerlichen Temperaturen und kühlen Nächte von Mitte September bis Anfang Oktober.

Der Begriff "Altweibersommer" geht auf das altdeutsche Wort "weiben", das von "Weben" kommt, zurück. "Weiben" bezeichnete das Knüpfen von Spinnweben und bezieht sich auf die germanische Mythologie: Nach klaren Nächten sieht man in den Morgenstunden sonniger Septembertage den Tau an den Spinnweben. Dies feinen Fäden glitzern wie silbernes Haar. Früher glaubte man, dass dieses Haar ältere Weiber beim Kämmen verloren hatten. Diese älteren Weiber waren die Schicksalsgöttinnen, die Nornen, die die Lebensfäden der Menschen spannen.

Raunächte

Die Raunächte gehen vom 24. Dezember bis 5. Januar. Eine Raunacht geht immer von Nacht zu Nacht, zum Beispiel von 00.00 am 24. Dezember bis 24.00 Uhr am 25. Dezember.

Nach dem keltischen Jahreskreis ist dies die Zeit der "Jahresnächte". Früher wurde jede der zwölf Nächte einem Monat des kommenden Jahres zugewiesen und so orakelte man sich durch das kommende Jahr. Auch das Wetter an jedem einzelnen Tag wurde mit einer bestimmten Bedeutung belegt: War beispielsweise am 25. Dezember schönes Wetter, so stand das für ein glückliches, neues Jahr.

Eine besondere Bedeutung hatte der 5. Januar, der sogenannte "Perchtenabend". Noch heute finden am Alpenrand "Perchtenläufe" statt, bei denen Menschen, verkleidet als Dämonen und wilde Tiere durch die Straßen ziehen und dabei böse Geister austreiben sowie den Winter vertreiben.

Doch das Wetter konnte – und kann – nicht nur die Existenz bedrohen, es beeinflusst auch auf vielerlei Weise das Befinden des Menschen. Das bekannteste bayerische Wetterphänomen ist der Föhn; bei manchen verursacht er Kopfweh und Migräne, Unruhe und Konzentrationsschwierigkeiten, andere reagieren schier euphorisch auf ihn. Doch abgesehen davon können körperliches wie seelisches Befinden im engen Zusammenhang mit dem Wetter stehen; sehr deutlich bringt das Emerenz Meier in ihrem Gedicht ´Wöderschwüln´ zum Ausdruck. Es ist bei weitem nicht das einzige Beispiel dafür, dass sich Wettererscheinungen in der Literatur niederschlagen. Wieder und wieder haben Dichter Wolkenstimmungen oder rasende Gewitter geschildert, beschrieben wie Menschen mit dem Wetter umgehen oder in Liedern den gefährlichen Böhmischen Wind sowie die laue Maienluft besungen.


3