Bayern 2 - Zeit für Bayern

Werben statt Betteln Vom Tippelbruder zum Geschäftsmann

"Kaufen Sie eine Obdachlosenzeitung!" tönt es im Gewimmel einer Fußgängerzone. Ob in München, Nürnberg, Augsburg oder Regensburg: Viele Bettler werden zu Geschäftsmännern, indem sie Straßenzeitungen verkaufen.

Von: Carlo Schindhelm Stand: 15.08.2012
Straßenkreuzer-Verkäuferin | Bild: Straßenkreuzer

Meist fällt der Blick nur für einen Moment auf den Menschen an der Straßenecke. Er trägt einen Bart und hat eine wilde Haarmähne. In seiner Hand präsentiert er aufgefächert fünf Zeitungsexemplare. Ein Ausweis an der Brust mit Namen und Foto weist ihn als Verkäufer einer Straßenzeitung aus.

Obdachlose Geschäftsmänner

Biss-Verkäufer in München

In München heißt sie Biss, in Nürnberg der Straßenkreuzer, in Augsburg verkaufen Menschen in Not die Riss und in Regensburg den Donaustrudl. Statt zu betteln, müssen sie rechnen wie ein Geschäftsmann und zunächst einmal investieren. Sie kaufen hundert oder zweihundert Stück, um sie anschließend auf der Straße zu verkaufen. Dabei bleibt mindestens die Hälfte des Verkaufspreises plus Trinkgeld beim Verkäufer. Ein kleines Einkommen, über das sie selber verfügen können.

Ein Stück Selbstbestimmung

Für die Wohnsitzlosen und Sozialhilfeempfänger bedeutet die Straßenzeitung ein Stück Selbstbestimmung. Es bedeutet wieder eine Aufgabe zu haben und einen halbwegs geregelten Alltag. Manche Verkäufer haben sich über die Jahre ihre Stammkundschaft erarbeitet und stehen jeden Tag an der gleichen Stelle.

Erste Straßenzeitung in New York

Die erste Obdachlosenzeitung wurde 1989 in New York verkauft. Vier Jahre später gründeten sich auch in Bayern erfolgreich die ersten Straßengazetten. Die Inhalte entstehen größtenteils im Ehrenamt. Betroffene können von ihren Schicksalen berichten, selber Artikel verfassen und sich an der redaktionellen Gestaltung beteiligen. Zeit für Bayern hat die Menschen von den Zeitungen von Unten getroffen.


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