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Nürnberg Eine Stadt in der Identitätsfindung

Früher war Nürnberg eine bedeutende Reichsstadt. Doch der Ruhm verblasste. Heute ist die Identität der Stadt vor allem von der NS-Zeit geprägt. Doch was macht Nürnbergs kulturelle Identität jenseits der Stereotype und Klischees aus?

Von: Barbara Bogen

Stand: 06.10.2017 | Archiv

Blick auf die Nürnberger Burg | Bild: Herbert Bauer, Feucht (21.02.2016)

Nürnberg ist eine Stadt mit Tradition und einer reichen wechselvollen Geschichte. Ehemals eine der bedeutendsten Reichsstädte mit einer Blütezeit zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Herausragende Künstler und Philosophen dieser Zeit wie Albrecht Dürer, Veit Stoß oder Willibald Pirckheimer prägen das Bild und die Geschichte der Stadt bis in die Gegenwart.

Verblasster Ruhm

Doch der Ruhm der reichen und weltoffenen Handelsstadt Nürnberg verblasste wieder. Durch die Verlagerung der Welthandelswege und den Dreißigjährigen Krieg sank die Bedeutung Nürnbergs. Erst im 19. Jahrhundert gelang Nürnberg durch die Industrialisierung ein neuer Aufstieg zur Großstadt. Bis heute allerdings ist die Identität Nürnbergs auch und vor allem von der Zeit des Nationalsozialismus geprägt. Die Reichsparteitage wurden hier abgehalten, die "Nürnberger Rassegesetzte" in ihrer ganzen Perversion definiert.

Auf dem Weg zur Kulturhauptstadt Europas

Doch wie sieht das kulturelle Klima der Stadt heute aus, die sich nach jahrelangem Zögern nun doch entschlossen hat, sich für den Titel der Kulturhauptstadt Europas im Jahr 2025 zu bewerben. Was macht sie aus, Nürnbergs kulturelle Identität? Welches Flair, welche Atmosphäre verbreitet die Stadt und auch: Wie europäisch und weltoffen ist sie? Jenseits der Stereotype und Klischees, die man oft mit der Stadt verbindet.

"Man muss sagen, dass sich hinter dem Klischee ja eine Wirklichkeit verbirgt, die durchaus eine Substanz hat. Und die Geschichte, auf die wir uns hier beziehen können, ist natürlich immens und immer präsent. Nicht nur in der Architektur, nicht nur in der Museumslandschaft, in der Gegenwart der Künstler, sondern auch in einer Geschichte, die die Stadt weiterschreibt. Die Bedeutung, die die Stadt hatte in der Renaissance, die ja immens war, die hat ja Spuren hinterlassen und wird ja irgendwie auch weiter getragen, wenn es auch starke Brüche gab."

Sabine Richter, Bildhauerin und Fotokünstlerin

Die freischaffende Künstlerin Sabine Richter, gebürtige Coburgerin, lebt seit den achtziger Jahren in Nürnberg und betont, wie sehr sie die Prägung durch die spätmittelalterliche Geschichte und die damit einher gehende kulturelle Qualität zu schätzen weiß.

Geschichte transparent machen

Der Historiker und Kulturphilosoph Professor Hermann Glaser prägte als Kulturreferent der Stadt Nürnberg in der Zeit zwischen 1964 und 1990 das kulturelle Klima Nürnbergs maßgeblich.

"Die Festlegung Nürnbergs auf bestimmte Stereotypien geht ja bis auf die Wende vom 18. bis ins 19. Jahrhundert zurück, als die romantische Entdeckung Nürnbergs stattgefunden hat. Und da war Nürnberg das Musterbeispiel der mittelalterlichen Kunststadt. Das ist dann ja politisch, ideologisch gebraucht oder auch missbraucht worden durch den Nationalsozialismus. Da ist es eben nicht einfach, dieses Bild der Stadt auch in der Weltöffentlichkeit nun zu entideologisieren. München hat das hervorragend geschafft mit der 'Weltstadt mit Herz', sodass man in Nürnberg das Stigma der Vergangenheit länger zu tragen hat."

Hermann Glaser, Historiker und ehemaliger Kulturreferent der Stadt Nürnberg

Genau diese Geschichte transparent machen, sie durchleuchten, um ihre dunklen Vorzeichen umkehren und sie in positiver Weise fortschreiben und damit verwandeln zu können, war Hermann Glasers Konzept über viele Jahre seines kulturpolitischen Schaffens hinweg. Mit den "Nürnberger Gesprächen" schuf er ein Forum von internationalem Format – und Nürnberg war zu einer Instanz geworden.

Vielleicht liegt hier der Schlüssel zu einem wichtigen Kapitel der Nürnberger Kulturgeschichte, an das sich für die Bewerbung zur Kulturhauptstadt Europas anknüpfen ließe. Etwa durch hochkarätig besetzte Symposien im Dokumentationszentrum auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände, die Fragen zu den großen politischen und kulturpolitischen Themen des 21. Jahrhunderts erörtern könnten: Menschenrechte und Migration, Rechtsnationalismus und Terrorismus. Sicherheit und Völkerrecht.

Die Geburtsstunde des Völkerrechts

Anklagebank während des Nürnberger Prozesses gegen die Hauptkriegsverbrecher

Auch in Sachen Völkerrecht ließe sich in Nürnberg anknüpfen an jüngere Zeitgeschichte. Denn in den Jahren 1945/46 wurde im Schwurgerichtssaal des Nürnberger Justizpalastes seinerzeit Weltgeschichte geschrieben. Vor dem Internationalen Militärgerichtshof wurden die Hauptkriegsverbrecher des Naziregimes zur Verantwortung gezogen. Es war die Geburtsstunde des modernen Völkerrechts.  

Die "Stadt der Menschenrechte"

Die neu gegründete „Internationale Akademie Nürnberger Prinzipien“ widmet sich denn auch den Themen des Völkerrecht, organisiert internationale Symposien und Fortbildungen in einer Stadt, die sich heute immerhin "Stadt der Menschenrechte" nennt und alle zwei Jahre einen Menschenrechtspreis vergibt. Initiativen, die sich noch weiter nachhaltig ausbauen ließen, gibt es genug.

"Was können wir? Was macht uns aus?"

Der Nürnberger Kammerschauspieler Thomas Nummer ist seit zwanzig Jahren festes Ensemblemitglied des Nürnberger Theaters. Er lebt gern in der Stadt, wie er betont. Die Stadt habe aber tatsächlich ein Definitionsproblem mit ihrer Identität.

"Ich glaube schon, dass Nürnberg ein bisschen darunter leidet, dass es nicht genau weiß, welche Identität es suchen soll. Und deshalb glaube ich, dass es besonders gut ist, dass man sich um diesen Kulturhauptstadttitel bemüht. Für Nürnberg ist es nicht nur deshalb wichtig, weil das auch Geld und Fördermöglichkeiten bringt, sondern weil das Nürnberg auch zwingt zu überlegen: Was können wir, was haben wir, was andere nicht haben. Was macht uns aus? Und das schadet Nürnberg nicht, dass man sich da ein bisschen Gedanken darüber macht."

Thomas Nummer, Nürnberger Kammerschauspieler

Größeres Selbstbewusstsein gefordert

Für ein größeres Selbstbewusstsein der Stadt wirbt auch Eva Kraus, Kuratorin und Kulturmanagerin mit internationalen Kontakten und seit Herbst 2014 Direktorin des Neuen Museums für Kunst und Design in Nürnberg. Von Tokio über Wien und New York hat sie Projekte entwickelt und war erstaunt, welch reiche Kultur- und Kunstszene sie in Nürnberg vorfindet mit dem Germanischen Nationalmuseum, Kunsthalle, Kunstverein, der Kunstakademie oder dem Wirken der freien Szene auf dem AEG-Gelände. Ein wenig allerdings, glaubt Eva Kraus, mangelt es an der Internationalität der Stadt.

Provinzialismus – oder internationale Ausstrahlung?

Silvie Preußer vom Amt für Internationale Beziehungen in Nürnberg verteidigt die Internationalität der Stadt indessen vehement.

"Nürnberg mag uns etwas provinziell vorkommen, es ist nicht wahr. Es ist auch ein Rückzugsort. Wir haben hier viele internationale Studenten, wir haben viele internationale Auszubildende, inzwischen vor allem aus den Ländern, wo die Arbeitslosigkeit bei Jugendlichen sehr hoch ist, etwa Spanien oder Griechenland."

Silvie Preußer, stellvertretende Leiterin des Amts für Internationale Beziehungen in Nürnberg

Es ist also gar nicht so einfach, die kulturelle Identität von Nürnberg zu bestimmen zwischen Klischee, Provinzialismus und internationaler Ausstrahlung. Eins jedoch ist sicher, für die Bewerbung zur Kulturhauptstadt Europas 2025 gibt es noch viele Potentiale zu entdecken. Vor allem dann, wenn man den Begriff der Kultur so weit fasst wie möglich. 


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