Bayern 2 - Zeit für Bayern


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Das Tabu Sexuelle Gewalt in der amerikanischen Besatzungszone

Nicht nur in der sowjetischen Besatzungszone, auch im amerikanisch besetzten Bayern war (sexuelle) Gewalt unmittelbar nach dem Einmarsch an der Tagesordnung. Bis heute ein großes Tabu ...

Von: Maximiliane Saalfrank

Stand: 17.05.2015 | Archiv

Soldaten der US-Armee stehen am 07.05.1945 vor dem stark beschädigten Hofbräuhaus in München, von dessen Balkon eine weiße Fahne weht.  | Bild: picture-alliance/dpa

Wenn es um die alliierte Besatzung in Deutschland nach 1945 geht, ist das allgemeine Urteil praktisch einhellig: "Die Russen waren Vergewaltiger, die Amerikaner Befreier". Allenfalls von "Einzelfällen" hat die Öffentlichkeit Notiz genommen. Dabei unterschieden sich die ersten Besatzungstage in Bayern kaum von denen im Osten Deutschlands.

Geschichten sexueller Gewalterfahrungen durch amerikanische und französische Truppen haben sich überall in Bayern ereignet, ob in Moosburg, in Ingolstadt oder im kleinen Stephanskirchen bei Ampfing. Im kollektiven Gedächtnis sind sie fast vergessen, in Ortschroniken tauchen sie allenfalls als Fußnoten auf, betroffene Frauen, Männer und Familien haben gelernt sich zu arrangieren - und diese Mechanismen greifen selbst 65 Jahre nach Kriegende immer noch.

Die Sendung: Das Tabu

Von unendlicher Traurigkeit, die bis heute von dem einen oder der anderen noch ausgehe, ist in Miesbach die Rede, wenn das Gespräch auf die Frauen der Stadt kommt, die von US-Soldaten in Zelte vor der Stadt geführt und dort vergewaltigt wurden; ja sogar Mädchen und Buben wurden nicht verschont. Im Chiemgau erzählen Einheimische, dass eine von Franzosen vergewaltigte Wirtin und Metzgersfrau in den Nachkriegsjahren in ihrem Geschäft gestanden sei "als wär nix passiert". In einem kleinen Bauerndorf, im Rottaler Holzland, ringt ein gestandener Bauer immer noch um Fassung, wenn er über die "Mädchenjagd" berichtet - das Schreien, Wimmern und Poltern in den Zimmern über ihm schien einfach nicht enden zu wollen. Eine Landshuterin erinnert sich daran, dass ihre Tante viele Jahrzehnte lang bei jedem Gang in die Altstadt, auf dem sie sie begleitete, vor einem bestimmten Haus stehen blieb und jedes Mal detailliert schilderte, wie sie von Passanten vor ihren Peinigern gerettet wurde.

Seit mehr als sechs Jahrzehnten scheint also entschieden, wer auf der Soll- und Habenseite des Moralkontos stehen durfte. Nur wenige wissen, dass im Frühsommer 1945 zahlreiche katholische und evangelische Pfarrer Einmarschberichte verfasst und Einträge in Verkündigungsbüchern gemacht haben, die bis heute Zeugnis ablegen von sexueller Gewalt, von Angst und Terror in Bayern.

Schriftsteller wie Erich Kästner, Viktor Klemperer, John Dos Passos und Ernst von Salomon beschreiben zahlreiche Gewaltaktionen in Bayern in den ersten Tagen und Wochen nach dem Einmarsch der Amerikaner und Franzosen, vorurteilsfrei und kenntnisreich. Die Kabarettistin Ursula Herking berichtet in ihrer Autobiographie von ihrer Vergewaltigung in der Nähe von Deggendorf durch Amerikaner ebenso wie zahlreiche Tagebücher bayerischer Frauen und Mädchen kaum verschlüsselt einen Blick auf die Vorkommnisse im Frühling 1945 werfen.

65 Jahre nach Kriegsende brechen viele Frauen und Männer ihr Schweigen, überwinden sich und kehren in ihren Erinnerungen zurück in den Frühling 1945, zurück in eine Zeit persönlich erlebter Gewalterfahrungen. Sie sprechen mit Thies Marsen und Maximiliane Saalfrank über den Mai 1945 - für einige von ihnen ist es das erste Mal seit 65 Jahren.

(Erstsendung 2011)


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