Bayern 2 - Zeit für Bayern


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Bayern genießen Protestantisch genießen im September

Die bayerischen Protestanten sind keinesfalls so genussfeindlich, wie das in nördlicheren oder westlicheren protestantischen Gegenden durchaus der Fall sein kann. Und dass Katholiken und Protestanten sehr gut miteinander genießen können – wenns sein muss grad auch die Unterschiede, die Vielfalt. Es ist also ein buntes Programm geworden, das wir anbieten.

Von: Gerald Huber

Stand: 01.09.2017 | Archiv

Die protestantischen Genußthemen aus allen Bayerischen Regionen

Betont blasen. Lutherlieder, Bach und Posaunenchor in Bad Tölz
Gemischt trinken: Äpfel und Birnen rund um Ortenburg
Gemeinsam radeln: Der Simultaneumradweg bei Weiden
Getrennt wursteln: Protestantische und katholische Bratwürscht aus Oberfranken
Getrennt Backen: Protestantische und katholische Küchle aus Mittelfranken
Evangelisch erholen. Beim Frauenorden auf dem Schwanberg in Mainfranken
Vereint verspeisen: Die Leibspeisen des protestantischen Bert Brecht.


Viel Vergnügen beim protestantischen genießen!

Martin Luthers Weihnachtslied ist heute noch in aller Munde. Dass Protestantismus gleichbedeutend mit Genussfeindlichkeit ist, war nicht von Anfang an ausgemacht. Schließlich hat der Luther auch gesagt:

"Wer nicht liebt Wein, Weiber und Gesang, der bleibt ein Narr sein Leben lang."

Martin Luther

Erst später sind protestantische Strömungen aufgekommen, die mit dem irdischen Leben nichts anderes verbinden wollten, als ein Tränental, das man nicht genießen darf, weil der Sünder damit seine Lust auf den Himmel verliert. Luther dagegen wollte den maßvollen Genuss durchaus. Und vor allem mit der Musik hat er‘s gehabt:

Probe

"Wer sich die Musik erkiest, / hat ein himmlisch Werk gewonnen; / denn ihr erster Ursprung ist / von dem Himmel selbst genommen, / weil die lieben Engelein / selber Musikanten sein."

Martin Luther

Was wären wir ohne die protestantische Kirchenmusik? Selbst im katholischen Altbayern geht’s mittlerweile gar nicht mehr ohne. In Bad Tölz zum Beispiel.

Betont blasen. Lutherlieder, Bach und Posaunenchor in Bad Tölz

Altbayern katholisch, Franken evangelisch – diese Gleichung ist zwar beliebt, stimmt aber hinten und vorn nicht. Ein Bamberger oder Würzburger ist mindestens grad so gut katholisch wie ein Passauer oder Freisinger.

Und selbst in Altbayern gibt es Landstriche, in denen die Evangelischen überwiegen. Die ehemals reichsunmittelbare Grafschaft Ortenburg im heutigen Niederbayern ist so ein Fall. Um sich noch besser von den altbayerischen Wittelsbachern absetzen zu können und seine Eigenständigkeit zu demonstrieren hat 1563 der Ortenburger Graf Joachim das evangelische Bekenntnis für sich und seine Untertanen angenommen. Ortenburg war damit für die Untertanen der bayerischen Herzöge und Kurfürsten ein doppeltes Ausland – politisch genauso wie religiös. Trotzdem sind die Leute in Ortenburg natürlich lebensfrohe Niederbayern geblieben. Und als dann 1623, mitten im Dreißigjährigen Krieg Glaubensflüchtlinge aus Österreich nach Ortenburg gekommen sind, waren die Einheimischen sehr gern bereit, von denen was dazuzulernen. Auch kulinarisch, versteht sich.

Gemischt trinken: Äpfel und Birnen rund um Ortenburg

Ortenburger Schnapsbrenner

Das Reformationsjubiläum heuer haben die Ortenburger zum Anlass für eine eigene Ausstellung genommen. Und exakt am Sendungstag gibt’s ein grenzüberschreitendes oberösterreichisch-bayerisches Pilgertreffen in Schärding, eine Begegnung auf dem Weg des Buches. Informationen dazu gibt’s auf unserer

Gemeinsam radeln: Der Simultaneumradweg bei Weiden

Die Simultankirchen-Radwege

Ökumene zwischen den Bekenntnissen ist heute ja das große Wort. Das Wort kommt von griechisch oikein=wohnen, wirtschaften und bedeutet eigentlich das gemeinsam bewirtschaftete Land. Man kann den Begriff heute so verstehen, dass man trotz unterschiedlicher Traditionen, Fähigkeiten und Interessen das Gebiet der Religion so quasi gemeinsam bewirtschaftet. Wobei, Hand aufs Herz, die Berührungspunkte zwischen Katholiken und Protestanten nicht grad groß sind – vorausgesetzt, die Konfessionsverschiedenheit trifft nicht ein und dieselbe Familie. Das war früher einmal anders. Da hats in bestimmten Gegenden nicht einmal verschiedene Kirchen für die verschiedenen Konfessionen gegeben. In Teilen der Oberpfalz zum Beispiel hat das Simultaneum gegolten. Das heißt, Evangelische und Katholische besuchen gemeinsam eine Kirche – teilweise noch heute. Die Spuren davon sind heute noch zu sehen. Und jetzt kommt der Genuss ins Spiel – mit den sogenannten Oberpfälzer Simultankirchen-Radwegen.

Insgesamt gibt es zehn Simultankirchen-Radwege in der Oberpfalz.

Getrennt wursteln: Protestantische und katholische Bratwürscht aus Oberfranken

Es gibt sehr vieles, was Franken, Altbayern und Schwaben miteinander verbindet. Andererseits gibt’s aber auch einiges, was uns fundamental unterscheidet. Die Frage zum Beispiel, wie eine richtige Bratwurst ausschauen und schmecken muss. Die Franken würden zum Beispiel sagen, eine gute Bratwurst muss zuallererst fränkisch sein. Dagegen könnte man einwenden, dass der Kasperl Larifari des Franz Graf von Pocci bekanntlich Altbayer ist. Und die Kasperl-Leibspeis sind halt einmal Bratwürscht, ebenfalls altbayerische versteht sich. Also so schlecht können die bayerischen Bratwürscht nicht sein. Der Kasperl ist ja nicht blöd. Aber das muss man ja nicht vertiefen. Festzustellen ist. Die fränkische Bratwurscht gibt’s ja gar nicht. Die Franken wissen ja selber nicht, welche der vielerlei Bratwürschte sie bevorzugen sollen – im Zweifel halt immer die eigenen. Jedenfalls muss man sich nicht wundern, wenn vor diesem Hintergrund – kein Scherz! – in Franken sogar ganz genau unterschieden wird zwischen katholischen und evangelischen Bratwürschten. Versteht sich von selbst, dass das für uns bei Bayern genießen ein gefundenes Fressen ist…

Getrennt Backen: Protestantische und katholische Küchle aus Mittelfranken

Unser Wort „kochen“ hat, wie viele alte hochdeutsche Wörter, einen lateinischen Ursprung. Das klassisch-lateinische „coquere“ wurde spätlateinisch „cochere“ ausgesprochen – daher unser Wort. Ursprünglich hat es neben kochen, sieden auch noch brennen und reifen bedeutet. Die Germanen haben das Wort ursprünglich nicht gekannt. Sie haben nur gebacken oder gesotten. Das lateinische kochen aber ist im Deutschen schnell ein Überbegriff für alle möglichen Formen des Garens durch Kitze geworden. Weswegen kochen eine überaus große Wortfamilie gebildet hat. Auch unser Wort Küche hängt selbstverständlich damit zusammen.

Und natürlich die schwäbischen und fränkischen Küchle, die ober- oder niederbayerischen Kiachen. Sie sind die Urform des Kuchens, ursprünglich eine ganz besonders gehaltvolle und deswegen festtägliche Speise. Während der Kuchen heute schon ganz alltäglich geworden ist, kommen Kiachen oder Küchle nach wie vor nur zu bestimmten Gelegenheiten auf den Tisch. Zu Festtagen. Und weil Festtage, einschließlich des Faschings, im Prinzip nur religiös motiviert sind, braucht es uns nicht zu wundern, dass es in Franken, wo beide christlichen Bekenntnisse traditionell eng nebeneinander leben, auch evangelische und katholische Küchle gibt.

Aha. Die Essanleitung haben Sie jetzt.

Die stete Abwechslung zwischen gut essen und trinken und fasten gilt heutzutage als typisch katholisch. Schließlich hat Luther gesagt:

"Kein Christ ist zu den Werken, die Gott nicht geboten hat, verpflichtet. Er darf also zu jeder Zeit jegliche Speise essen."

Martin Luther

Das ist auch der Grund, warum evangelische Christen heute keine Fastenzeiten kennen. Dennoch hat auch Luther das Fasten im Sinne von Enthaltsamkeit hoch geschätzt.

"Fasten und leiblich sich bereiten ist wohl eine feine äußerliche Zucht."

Martin Luther

Das ist heute kaum mehr bekannt. Wie überhaupt so manches, was heute als typisch evangelisch gilt, zur Lutherzeit noch höchst unüblich war: Weihrauch, farbige Messgewänder und vieles mehr hat Luther alles noch verwendet und ist in manchen protestantischen Kirchen, zum Beispiel in Sachsen oder in Schweden, bis heute im Gebrauch.

Evangelisch erholen. Beim Frauenorden auf dem Schwanberg in Mainfranken

Selbst Klöster sind nicht immer bloß katholisch. Es gibt auch evangelische Konvente. Zum Beispiel auf dem Schwanberg im Landkreis Kitzingen. Die Communität Casteller Ring besteht dort seit 1957, wurde aber bereits 1950 –daher der Name – in der unterfränkischen Ortschaft Castell gegründet. Die evangelischen Schwestern fühlen sich der benediktinischen Tradition verbunden. Das Chorgebet haben sie von der Benediktinerabtei im nahen Münsterschwarzach übernommen: ein besonderes Zeichen der Ökumene. 30 Schwestern leben zur Zeit auf dem Schwanberg. Ehelos und ohne persönlichen Besitz. Sie tragen meist zivil, lediglich zu den Gottesdiensten ein schlichtes liturgisches Gewand.

Dass Gastfreundschaft auf dem Schwanberg groß geschrieben wird, gilt selbstverständlich auch für Nicht-Protestanten. Und das großartige Wandergebiet mit den berühmten Weinlagen rundum sind eh ökumenisch.

Essen gilt heute als was viel Feineres als Fressen. Wobei der Unterschied zwischen beidem nicht groß ist: Fressen ist einfach ein ver-essen,ein ganz und gar aufessen. Wobei das schon im Mittelalter nicht mehr akzeptabel war. Es galt, wie heute noch in manchen Kulturen, als ausgesprochen nobel, seinen Teller nicht ganz aufzuessen. Nur der Arme ist auch noch auf die letzte Kalorie angewiesen. Insofern hatte Bert Brecht, der sich zeitlebens den Proletariern verbunden fühlte, wortwörtlich recht gehabt, als er formulierte:

"Zuerst kommt das Fressen, und dann die Moral."

Bert Brecht

Wobei Bert Brecht, der ja ein Augsburger Bürgerssohn war, nicht nur in dieser Hinsicht eine erstaunliche Doppelmoral an den Tag gelegt hat. Einerseits der heringdürre Moralist im strengen Arbeitskittel, der gern mit seinen Mitmenschen ins Gericht gegangen ist. Andererseits alles andere als ein Kostverächter – nicht, was feine Speisen, edle  Zigarren, noch was Frauen anging. Liegt‘ s vielleicht daran, dass Brecht zwar protestantisch wie seine Mutter war, was den Genuss angeht, aber eher den katholischen Vater zum Vorbild genommen hat? Wir wissen es nicht. Tatsache ist, dass Brecht beileibe nicht alles gefressen hat, was auf den Tisch gekommen ist.

Der gute Mensch von Augsburg

Genießen bedeutet ursprünglich benutzen. Wir kennen ja heute noch den Nießbrauch, bei dem man etwas besitzt, ohne Eigentümer zu sein, es also nur genießen, nutzen darf. Wir hoffen jedenfalls, Sie konnten die heutige Bayern genießen-Ausgabe tatsächlich genießen – in beiderlei Wortbedeutungen – und wünschen Ihnen noch einen schönen Sonntag.

Protestantisch genießen. Das war Bayern genießen im September – mit Gerald Huber und sieben Beiträgen aus den sieben bayerischen Regierungsbezirken. Andreas Pehl machte den Beitrag über das ökumenische Musizieren protestantischer Musik aus dem oberbayerischen Bad Tölz. Thomas Muggenthaler hat sich den protestantischen Obstanbau im niederbayerischen Ortenburg angeschaut. Den Simultanradweg bei Weiden in der Oberpfalz ist Uli Scherr aus unserem Studio Ostbayern gefahren. Protestantische und katholische Bratwürscht aus Oberfranken hat Claudia Stern probiert. Den Unterschied zwischen evangelischen und katholischen mittelfränkischen Küchle hat uns Ilona Hörath gezeigt. Beim evangelischen Frauenorden auf dem unterfränkischen Schwanberg war Frank Breitenstein und Barbara Leinfelder aus unserem Studio Augsburg hat über Berthold Brechts Leibspeisen berichtet.


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