Bayern 2 - Zeit für Bayern


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"Wo wir uns finden..." Da steht ein Lindenbaum

Was heute die Singlebörse im Internet, war früher der Platz unter der Linde. Dort wurde Brautschau gehalten - ohne Klick, dafür mit Kick. Die Linde ist ein urdeutscher, ein mythischer Baum mit praktischem Wert - gestern und heute.

Von: Markus Amann und Ulrich Kulp

Stand: 25.04.2011 | Archiv

Lindenbaum | Bild: picture-alliance/dpa

Als Symbol der Liebe stand die Linde seit germanischen Zeiten am Brunnen vor dem Tore oder im Zentrum des Dorfes. Falls die Brautschau erfolgreich war, wurde sogar unter ihr geheiratet. Feste wurden gefeiert, Versammlungen abgehalten, nicht nur freundlicher Art. Auch Gerichte tagten beim urdeutschen Baum, wobei die Urteile meist milde ausfielen - lind eben. Das ist lange her. Nur der Baum selber trägt vielleicht noch Erinnerungen mit sich, die bis ins Mittelalter zurückreichen. Denn die Linde kann alt werden. Sehr alt. "300 Jahre kommt sie, 300 Jahre bleibt sie, 300 Jahre geht sie", sagt der Volksmund. Erstaunlich, ist ihr Holz doch weich und wenig dauerhaft gegen Witterungseinflüsse geschützt.

Madonnen und Altäre aus Lindenholz

Im Möbelhaus sucht man vergeblich nach Lindentisch und -stuhl, Schrank oder Bett. Aber zum Schnitzen ist das Holz geeignet wie kein anderes. Madonnen und Altäre wurden aus den Stämmen geschaffen, die heute Kirchen schmücken. Und wenn wir Autofahrer jetzt, da die Bäume wieder ausschlagen, den speziellen Blütenstaub der Linde verfluchen, der uns Lack und Scheiben verklebt, so tragen ihn die Bienen doch fleißig zum Imker, um unser Frühstück mit Lindenblütenhonig zu versüßen. Und die Schmerzen unserer Frühlingsgrippe lindert der Tee aus diesen Blüten.

Ausflügler pilgern ehrfürchtig zu historischen Linden

Lindenbäume sind immer noch ein beliebtes Ausflugsziel.

Mittlerweile ist die Dorflinde eine Rarität, nicht zuletzt wegen uns Autofahrern, die wir zur Luftverschmutzung beitragen, mit der die Linde gar so schlecht fertig wird. Aber sie wird auch neu gepflanzt, z.B. 1991, genau 51° 10' nördlicher Breite, 10° 27' östlich Greenwich. Da liegt Niederdorla, eine kleine Ortschaft in Thüringen, genau im Mittelpunkt Deutschlands. Vielleicht noch nicht solch ein Pilgerort wie manch anderer bei uns in Bayern, wo historische Linden von Ausflüglern mit Ehrfurcht aufgesucht werden.

Stichwort: Linde

Schon die Germanen verehrten die Linde. In ihr sahen sie Freya, die Liebes- und Glückgöttin. Auch die Tradition des Dorfgerichts unter der "Gerichtslinde" soll auf germanische Wurzeln zurückgehen. Im hohen Mittelalter fand der Baum dann Einzug in die Kunst: Minnesänger besangen Linden mit ihren intensiv duftenden Blüten. In der Spätgotik verwendeten Bildhauer und Holzschnitzer wie Tilmann Riemenschneider Lindenholz als Grundlage für ihre Altäre und Heiligenfiguren. Und auch Dichter und Schriftsteller der Romantik im 19. Jahrhundert setzten dem Baum in ihren Werken ein Denkmal. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein nahm die Linde immer mehr den Charakter eines Nationalbaumes an: So wurden Kaiserlinden gepflanzt, Friedenslinden erinnerten an Feldzüge und ab 1933 waren Hitlerlinden in Mode gekommen.


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