Bayern 2 - Weitwinkel

Schön ist das Alter... Eine Münchner Familie in Vorpommern

Ob Seniorensingen oder Volkstanz in Törpin... was immer Helmut Pratzel gemeinsam mit seiner Ehefrau anpackt, bringt Leben zurück ins Dorf. Nach 40 Jahren München ist die ganze Familie nach Vorpommern gezogen.

Autor: Ulrike Hagen Stand: 07.01.2012

Hier kann man noch was machen

"Hier kann man noch was machen. Der Verein heißt : Verein innovativer Kräfte. Und ich hab gesagt, ich brauch nur solche Leute im Verein, die sagen, was geht. Und diejenigen, die sagen, was nicht geht, die brauch ich nicht, und so gehen wir an die Sache ran: mit einem gewissen Optimismus, vielleicht auch manchmal mit einer gewissen Blauäugigkeit. Das schadet gar nichts. Und man kann auch mal wegstecken, was nicht funktioniert. Aber einiges funktioniert."

Helmut Pratzel, Törpin

Kindertanz und Seniorensingen

Helmut und Inge Pratzel in Törpin

2001 zog der Münchner Mediziner nach Vorpommern. Es war eine Rückkehr. Er hatte in den 60er Jahren  in Greifswald studiert, ein Studentenspaß wurde ihm zum Verhängnis, er flog von der Uni und ging in den Westen. Promovierte zweimal, wurde Professor und war Präsident der Weltorganisation für Bädermedizin. Nach 40 Jahren München ging er in seine Heimat zurück. Da war die Kirche zwar noch im Dorf, aber es gab keinen Ort, an dem man mal zusammensitzen konnte. Die Dorfkneipe hatte nach der Wende dicht gemacht, genauso der Einkaufsladen und die Schule. Sogar der Briefkasten war weg.

"Meine Überlegung war immer die, zu sagen: Wer in Westdeutschland auf sehr engem Raum auf einer sehr teuren Immobilie sitzt, den könnte man motivieren, daß er seine Immobilie für eine Million Euro verkauft, hierher kommt, sich das schöne Land anschaut, hier dasselbe für 100.000 bekommt – da hat er immer noch 900 000 zum Leben! Und wenn er das tut, dann können von den 900.000 wieder sehr viele Dienstleistungsbetriebe existieren. Das heißt, eine Seniorenwohnpolitik muss man versuchen zu organisieren"

. Helmut Pratzel, Törpin

Menschenleeres Land der Möglichkeiten

Seniorenwohnpolitik? Die zu organisieren, ist man in Mecklenburg-Vorpommern weit entfernt. Obgleich:  50.000 Menschen zwischen 55 und 70 Jahren sind in den vergangenen 15 Jahren nach Mecklenburg-Vorpommern gekommen. Für ein Land mit rund 1,6 Millionen Einwohnern ziemlich viele. Nach der Wende verlor man hier fast 300.000 Einwohner - und freut sich über Zuzügler. Auch wenn sie im Rentenalter sind.  Die meisten kommen aus den alten Bundesländern und Berlin. Immobilien sind, wenn sie nicht gerade am Strand stehen, billig zu haben.

Die Pratzels aus München kauften die alte Gaststätte in Törpin. Als sie ihre Zimmer fertig ausgebaut hatten, ging es an den großen Tanzsaal, in dem zuletzt Pferde gestanden hatten.

"Als der Saal da war, hab ich so gedacht: Dieser schöne Saal war früher ein Treffpunkt der Dorfgemeinschaft. Den kann ich denen ja nicht wegnehmen, nicht? Da habe ich angefangen und habe dort Veranstaltungen gemacht, ich hab ein Jahr lang Gesundheitsbildung gemacht, jeden Monat einen Vortrag gehalten. Wir haben Theateraufführungen gemacht, die Musikschule konnte dort spielen. Wir haben gefeiert, Fasching gemacht, alle möglichen Varianten. Wir sind einfach eine sehr aufgeschlossene und offene Familie immer gewesen. Und wir haben unsere Türen geöffnet. Und viele Menschen haben diese Gelegenheit genutzt, die geöffnete Tür zu betreten. Und ich denk mal, dadurch ist es leichter geworden, Fuß zu fassen,"

Inge und Helmut Pratzel, Törpin

 Inzwischen sind auch die Söhne im Dorfleben aktiv

Thomas Pratzel, der eine der beiden Söhne der Pratzels, von Beruf Werkzeugmacher, hat in Törpin eine Band gegründet. Und Stephan, der andere, der eigentlich Chemiker ist, ist , seit er in Vorpommern ist, Musiker, Sänger und Tanzlehrer. Wenn sich die Alten zum Singekreis treffen, spielt er Gitarre, ausserdem leitet er die Volkstanzgruppen für die Kinder, die mit Begeisterung dabei sind. Es scheint, als ob jeder der Pratzels sich in Vorpommern eine "schöne Aufgabe" gesucht hat.

"Warum mache ich das hier und nicht in Bayern? Das ist natürlich der Grund: In Bayern ist alles komplett durchorganisiert, da ist gelebte Brauchtumskultur. Da muß man eigentlich nicht mehr viel machen. Da gibt es Beratungsstellen für Volksmusik. Das gibt’s hier alles nicht. Und die haben natürlich Kapellen und die ganze Musik. Das muß man hier alles aufbauen. Aber das ist auch eine sehr schöne Aufgabe,"

Stephan Pratzel