Bayern 2 - Theo.Logik

Revolution Religion im Arabischen Frühling

In Tunesien fing alles an. In Ägypten führten die Proteste der Menschen zum Umsturz. In Syrien protestieren die Menschen derzeit auf den Straßen für die Freiheit. Der Arabische Frühling – die revolutionäre Welle, die sich von Nordafrika bis in den Nahen Osten ausgebreitet hat, kommt nicht zum Stillstand.

Stand: 10.02.2012
Ein ägyptisches Mädchen auf den Schultern ihres Vaters am 1. Jahrestag der Revolution | Bild: picture-alliance/dpa

Genau vor einem Jahr, Mitte Februar 2011, trat der ägyptische Staatspräsident Husni Mubarak unter dem Druck der Straße zurück. Solche Proteste sind derzeit auch in Syrien an der Tagesordnung - welche Kräfte genau hinter den Aufständen stecken, ist allerdings schwer zu sagen, sagt Professor Karl Pinggéra von der Philipps-Universität Marburg. "Es handelt sich nicht um einen zentralen Aufstand, sondern um ein polizentrisches Gebilde von Aufständen. Das Ziel ist meistens die Meinungsfreiheit sowie der Ruf nach Demokratie statt Diktatur", sagt der evangelische Theologe im Gespräch mit Theo.Logik-Moderator Wolfgang Küpper.

Die Christen in Syrien haben Angst

Professor Karl Pinggéra, evangelischer Theologe an der Philipps-Universität Marburg

Für die kleine christliche Minderheit in Syrien bedeutet das ein Gefühl der Verunsicherung, viele von ihnen halten eher zum derzeitigen Herrscher Baschar al-Assad - aus Angst, dass die künftigen Machthaber sie zu Muslimen machen wollen. "Die Christen in Syrien sind abhängig von der Gunst ihres Herrschers - und ein streng an der Scharia orientiertes politisches System würde Christen zu Bürgern zweiter Klasse machen", erklärt Professor Pinggéra. Unter dem jetzigem Regime können Christen ihren Glauben frei praktizieren - ganz im Gegensatz zum Nachbarland Irak: Fast alle dort lebenden Christen haben ihre Heimat verlassen, weil dort Staat und Religion eine Einheit bilden - "und die ist für Christen bedrohlich", sagt Pinggéra.

Sind die Muslimbrüder demokratisch?

Ein Jahr nach dem "arabischen Frühling" in Ägypten haben viele Menschen gestaunt: Die Facebook-Aktivisten, die die Revolution ursprünglich angestoßen haben, haben die freien Wahlen verloren, die Muslimbrüder hatten die Nase vorn. Laut dem ARD-Korrespondent und Studioleiter in Kairo, Hans Michael Ehl, kann man sagen, dass das neue ägyptische Parlament, in dem die Muslimbrüder etwa 45 Prozent der Sitze innehaben, ein Spiegelbild der dortigen Gesellschaft ist. Die offizielle Position der Muslimbrüder lautet auch nicht mehr, dass die Demokratie "einen Verrat an der Religion, dem Islam" darstellt, sagt Ehl: "Die Muslimbruderschaft hat erklärt, sie wolle einen Rechtsstaat auf der Grundlage des islamischen Rechts - aber nicht so radikal wie das im Westen befürchtet wird."

Derzeit wird in Ägypten über Fragen diskutiert, die auch für deutsche Touristen relevant sind: Darf in Ferienressorts Alkohol ausgeschenkt werden? Sollte man die Strände nach Geschlechtern trennen? Hier vertrete die Muslimbruderschaft derzeit die Position, es sei wichtiger, dass das Geschäft mit dem Tourismus sich erholt als dass islamische Regeln befolgt werden. Ehl betont: Vieles werde sich erst zeigen, wenn die Muslimbrüder tatsächlich Regierungsverantwortung bekommen, momentan wird das Land noch von einer Übergangsregierung geführt: der Militärregierung. Was die Zukunft Ägyptens betrifft, da ist ARD-Korrespondent Ehl grundsätzlich optimistisch: "Nur bin ich pessimistisch, was eine kurzfristige Lösung der Probleme angeht."