Bayern 2 - Sozusagen!


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Hörer fragen Sozusagen! Wenn das Wortbild schief hängt ...

Es reichen schon ein paar Millimeter Schieflage und das Auge des Betrachters fühlt sich gestört, der Zauber ist dahin. Mit schrägen Wortbildern wie "Erdrutschsieg" oder "Flüchtlingswelle" ist es da ganz ähnlich.

Von: Werner Müller, BR-Sprachpfleger

Stand: 06.04.2017

Hörer fragen Sozusagen! | Bild: Montage: BR

Ein Sozusagen!-Hörer aus Rohrbach fragt:

Ein Nachrichten-Moderator verwendete das Wort "Erdrutschsieg". Können Sie mir eine plausible Erklärung für die Verwendung dieses Worts geben?

Antwort des Sprachpflegers:

Eine plausible Erklärung für die Verwendung des Ausdrucks lässt sich finden, eine Empfehlung, ihn zu verwenden, allerdings nicht.

Sprachliche Bilder vermitteln schwierige abstrakte Zusammenhänge durch anschauliche Vergleiche. Sie beleben unsere Vorstellungskraft, helfen unserem Verständnis auf die Sprünge, wecken unsere Aufmerksamkeit und halten sie wach. 

Sprachliche Bilder entstehen aus allen Bereichen sinnlicher Wahrnehmung, entfalten ihre Wirkung harmlos versöhnlich wie die "Stilblüte", abstoßend abscheulich wie die "Schutthalde" oder einschüchternd gewaltig wie "Blitz" und "Donner".

Das Bild vom Erdrutschsieg nutzt eine tödliche Naturkatastrophe, um ein überraschend deutlich ausgefallenes Wahlergebnis zu veranschaulichen. Was ein Erdrutsch anrichtet an Zerstörung und Leid, lassen die Nachrichten aus der kolumbianischen Stadt Mocoa ahnen. "Wie der Tod die Stadt erdrückte", heißt es in der SZ vom 3. April.
Da muss es fast zynisch wirken, wenn das entsetzliche Ereignis lediglich dazu dient, einen statistischen Befund zu kennzeichnen

Weil ein Sprachspiel kein menschenverachtendes Spiel sein soll, verbietet sich auch der die Rede von einer Flüchtlingslawine. Das Bild vom Strom genügt völlig, um die unerwartet hohe Zahl der Menschen an den Grenzen unseres Landes zu veranschaulichen.

"Sprachliche Bilder machen Eindruck und bleiben länger im Gedächtnis. Wer solche Bilder verwendet, sollte das überlegt und wirkungsbewusst tun.
Professionelles Sprachverhalten verzichtet auch mal auf fragwürdige Effekte."

(Werner Müller)


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