Bayern 2 - Sozusagen!


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Hörer fragen Sozusagen! Hört man nicht immer „gerne“

Versöhnung mit einer sprachlichen Alltagsformel

Von: Werner Müller, BR-Sprachpfleger

Stand: 25.08.2017

Hörer fragen Sozusagen! | Bild: Montage: BR

Ein Sozusagen!-Eine BR-Hörerin fragt:

Liebe Redaktion von „sozusagen“! Ihr Interviewpartner Hermann Unterstöger amtwortete auf den Dank für sein Kommen mit den Worten: „Nichts zu danken, gern geschehen.“  Das hat mich daran erinnert, dass ich mich jedes Mal ärgere, wenn andere Interviewpartner nur mit „gern“ antworten. Da fehlt doch was! „Gern“ ist ein Adverb, braucht also noch ein Verb, oder? Stimmt meine Vermutung, dass die Formel „gern“ eine Anpassung an das englische „welcome“ ist?

BR-Sprachpfleger Werner Müller antwortet:

Während die Hörerin beim formelhaften Ausdruck gern oder gerne die grammatische Kürzung beanstandet, findet die Chefredakteurin der Zeitschrift CHRISMON (in der Ausgabe vom Mai 2017) das formelhafte gerne sachlich verfehlt:

Das nervt, das „Gerne!“. Danke für die Wursttüte. Gerne! Danke für die Uhrzeit. Gerne! Das glaubt doch kein Mensch, dass alle alles immer gern machen.

Mit der grammatischen Kurzform können wir uns vermutlich leichter versöhnen als mit der sachlichen Heuchelei. Auch die Verbform (ich) bitte ist ja formelhaft verkürzt. Und so wie die bejahende Antwort klar das prädikative Adjektiv aus dem Satz Das ist doch klar! herauslöst, bleibt von der Erklärung Das mach ich doch gern! nur das Adverb gern übrig.

Diese formelhafte Kürze entspricht durchaus dem englischen welcome, das aus dem Satz: You are welcome stammt. Und wie unser gerne wirkt auch das englische welcome oft nichtssagend. Einen fast glaubhaften Aufwand sprachlicher Höflichkeit leisten sich allenfalls noch die Franzosen: Je vous en prie, c’est bien naturel! Ich bitte Sie, das ist doch selbstverständlich!
Aber was lässt sich gegen den Vorwurf der inhaltlichen Heuchelei vorbringen?

Treiben wir ein paar Minuten Feldforschung

An der Backwaren-Theke beim Discounter bedient auch ein junger Mann. Jeden Wunsch seiner Kunden kommentiert er mit einem Lächeln und einem „Gerne!“. „Kann ich von dem Bauernbrot die kleinere Hälfte haben?“ „Aber gerne, natürlich! Wollen Sie sie geschnitten oder am Stück?“ „ Ich hätt es gern geschnitten.“ „Machen wir! Eine Hälfte geschnitten, gerne!“ Die Kundin lächelt jetzt auch.

Und was sagen die Kunden, die so „gerne“ bedient werden? „Ach, da denk ich mir nichts dabei!“ – „Das hör ich gar nicht mehr!“ – „Ich find’s ganz nett.“ – „Das sagt der halt so dahin.“ – „Das haben die wohl in der Ausbildung so gelernt.“ – „Manchmal nervt mich das schon. Der meint das doch nicht ernst.“ – „Ist immer noch besser als unfreundliches Knurren.“

Riskieren wir die entscheidende Frage an den Mann hinter der Theke. Was meint er denn zu dem Vorwurf, sein wiederkehrendes „gerne!“ sei eine verlogene Floskel? Die Antwort fällt überraschend aus: „Wenn ich „gerne“ sage, dann meine ich das auch. Ich mach meine Arbeit wirklich gerne und bin lieber freundlich als schlecht gelaunt. Das tut mir gut, und den Leuten meistens auch.  

Was uns bleibt, ist die eigene Entscheidung: Gegen floskelhafte Silben helfen persönliche Varianten, die sich an der Situation und am Adressaten orientieren. Ein freundlicher Ton, begleitende Mimik und Gestik können aus einer Silbe eine glaubwürdige Äußerung machen.

Der Reim drauf lautet dann: Da strahlt das Wörtchen „gern“ / wie ein kleiner Stern.


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