Sonntagsbeilage "In Rang und Parkett"
Geschminkte Wahrheiten, gespielte Gefühle auf der Bühne - gemischte Gesichtsausdrücke im Publikum. Im Theater ist alles nicht anders als im richtigen Leben. Theaterluft hat immer noch einen hohen Anteil an inspirierenden Elementen
- Eine Sonntagsbeilage über "Rang und Parkett"
- "Meine ersten neunzig Jahre" von Tilla Durieux
- "Monolog des Prinzen von Hamburg,…" von Robert Gernhardt
- "Mein erster Franzose" von Wladimir Kaminer
- "Sie erlischt" von Heinrich Heine
- "Prolog zur Arbeit des Schauspielers" von Augustin de Rojas Villandrando
- "Der Schauspieler" von Michail Sostschenko
- "Die Kraniche des Ibykus" von Friedrich Schiller
- Helmut Qualtinger und Johann Sklenka: "Der Menschheit Würde ist in Eure Hand gegeben"
- Jan Weiler: "Weise Sichtweisen"
- Musik dieser Sonntagsbeilage
Eine Sonntagsbeilage über "Rang und Parkett"
Geschminkte Wahrheiten, entlarvende Verkleidung, gespielte Gefühle auf der Bühne und gemischte Gesichtsausdrücke im Publikum – im Theater ist alles nicht anders als im "richtigen" Leben. Die hitzige Debatte über das Regietheater unserer Tage haben den Thespiskarren nicht gestoppt: Theaterluft hat immer noch einen hohen Anteil an inspirierenden Elementen. Geschichten aus Parkett und Rang, aus Bühnenhintergrund und Rampenlicht.
"Meine ersten neunzig Jahre" von Tilla Durieux
Tilla Durieux, eine der berühmtesten deutschen Theaterschauspielerinnen in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg und in der Weimarer Republik, war dreimal verheiratet: mit dem Maler Eugen Spiro, mit dem Verleger Paul Cassirer, der sich 1926 das Leben nahm, noch bevor die Scheidung von der Durieux rechtskräftig geworden war, und mit Ludwig Katzenellenbogen, dem Generaldirektor einer großen Berliner Brauerei, der im KZ Sachsenhausen sein Leben verlor.
Von Cassirer stammt vermutlich das Collier aus 32 in Platin gefassten Zirkonen (ein Edelstein, dessen Leuchtkraft der des Diamanten ähnlich ist). Dieses Schmuckstück stiftete die geborene Wienerin Durieux im Jahr 1967. Seitdem ehrt der "Tilla-Durieux-Schmuck" eine herausragende Bühnenkünstlerin deutscher oder österreichischer Herkunft, derzeitige Inhaberin des Schmucks ist Judith Hofmann. Tilla Durieux (1880 – 1971) saß den berühmtesten Malern ihrer Zeit Modell: Etwa Franz von Stuck, der sie als Circe darstellte (1913) oder Auguste Renoir für ein Porträt (1914).
Die vorgetragen Erinnerungen stammen aus ihrer Autobiographie "Meine ersten neunzig Jahre", Herbig München 1971
Sprecherin: Angela Roy
"Monolog des Prinzen von Hamburg,…" von Robert Gernhardt
Robert Gernhardt: Kleist-Parodien sind jetzt, da das Gedenkjahr 2011 wieder vorbei ist, wieder erlaubt. Robert Gernhardts "Monolog des Prinzen von Hamburg, …" tut dem 1811 aus dem Leben geschiedenen Dichter und dessen Drama "Prinz Friedrich von Homburg" (1809/1810) aber keinen solchen Bärendienst an wie Johann Wolfgang Goethe, der Kleists "Der zerbrochene Krug" so daneben inszenierte, dass das Stück bei der Uraufführung in Weimar nicht nur komplett durchfiel, sondern es ein im Publikum sitzender Herr es auch noch wagte, zu pfeifen. Da das in Anwesenheit der Herzogin unter gar keinen Umständen anging, ließ der Herzog von Sachsen-Weimar den pfeifenden Frechdachs von den im Saal positionierten Husaren festnehmen.
Johann Wolfgang Goethe, später selbst "Olympier", langte auf seiner ersten Italienischen Reise am 19. September 1786 in Vicenza an. Sein erstes Besichtigungsziel war – wie auch anders bei einem, der später Theaterprinzipal werden und reihenweise weltberühmte Bühnenwerke verfassen sollte – ein "festes Haus", sogar eines mit festem Bühnenbild, geschaffen von dem Renaissance-Architekten Venetiens: Andrea Palladio (1508 – 1580). Goethe notierte in sein Reisebuch:
»Vor einigen Stunden bin ich hier angekommen, habe schon die Stadt durchlaufen, das Olympische Theater und die Gebäude des Palladio gesehen. Man hat ein sehr artiges Büchelchen mit Kupfern zur Bequemlichkeit der Fremden herausgegeben mit einem kunstverständigen Texte. Wenn man nun diese Werke gegenwärtig sieht, so erkennt man erst den großen Wert derselben; denn sie sollen ja durch ihre wirkliche Größe und Körperlichkeit das Auge füllen und durch die schöne Harmonie ihrer Dimensionen nicht nur in abstrakten Aufrissen, sondern mit dem ganzen perspektivischen Vordringen und Zurückweichen den Geist befriedigen; und so sag' ich vom Palladio: er ist ein recht innerlich und von innen heraus großer Mensch gewesen.«
Sprecher: Axel Milberg und Helmut Stange
"Mein erster Franzose" von Wladimir Kaminer
Wladimir Kaminers Ich-Erzähler lernt bei einer ABM-Maßnahme in Berlin den Menschen kennen, den der Autor unter dem Titel "Mein erster Franzose" in der legendären Geschichten-Sammlung "Russendisko" verewigt hat. Welche Menschen man nicht findet auf oder hinter, über, unter oder vor den Brettern, die die Welt bedeuten!
Sprecher: Christian Höning
"Sie erlischt" von Heinrich Heine
Heinrich Heine hat nie ein Drama geschrieben, aber die Stimmung auf der Bühne lange nach der Vorstellung auf unnachahmliche Weise eingefangen: Das kleine Gedicht "Sie erlischt" ist zugleich ein Vermächtnis jedes schaffenden Künstlers, der vom vollendeten Werk ablassen muss, eine Vorausschau aufs Sterben, das unser aller harrt, wenn das Spiel dereinst aus ist.
Sprecher: Wolfgang Hinze
"Prolog zur Arbeit des Schauspielers" von Augustin de Rojas Villandrando
Augustin de Rojas Villandrando (1572-1618) bricht mit dem "Prolog zur Arbeit des Schauspielers" eine Lanze für die Menschen, deren Metier er sich nach der Rückkehr aus der französischen Kriegsgefangenschaft anschloss: wandernden Schauspielertruppen. de Rojas Hauptwerk, "El viaje entretenido" (die vergnügliche Reise) gilt als "pikaresker" ("picaro" ist "der, der die Lanze, die "Pike" trägt"), also aus der spanisch dominierten Gattung der Ritter - oder Schelmenromane (wie "Don Quijote aus der Mancha" von Cervantes). Darin entsteht ein sehr anschauliches und auch wirklichkeitsnahes Bild des spanischen Theaters und des Schauspielerlebens im 16. Jahrhundert.
Sprecher: Horst Sachtleben
"Der Schauspieler" von Michail Sostschenko
Michail Sostschenko, sprich "Soschtschenko", schrieb schon zu Unizeiten kleine Szenen und satirische Stücke, meldete sich 1915 freiwillig zum Dienst im Ersten Weltkrieg, wo er einen Angriff mit Giftgas überlebte, aber zeitlebens herzkrank blieb. Trotzdem kämpfte er im Bürgerkrieg nach der Oktoberrevolution auf Seiten der Roten Armee. Postbeamter, Schuster, Tischler, Kontorist, Tierzüchter, Detektiv. Während der Belagerung Leningrads durch die Hitlertruppen nach Almaty in Kasachstan evakuiert, zum Dienst in den dortigen Filmstudios der stalin´schen Antifa-Propaganda. Schreibt nach dem 2. Weltkrieg weiter für satirische Zeitschriften, meistens über den Typen des intellektuell unterbelichteten Sowjetmenschen, der sich zwischen Kolchose und Komsomol zurecht finden möchte. Berufsverbot. Ausschluss aus dem Schriftstellerverband der Sowjetunion. Erst nach Stalins Tod rehabilitiert. Zwei Jahre vor Soschtschenkos Tod im Juli 1958 konnte ein Sammelband mit Erzählungen erscheinen. Der Text "Der Schauspieler" kommt aus dem Bändchen "Was die Nachtigall sang" (1927), Reclam 1991
Sprecher: Hans Jürgen Stockerl
"Die Kraniche des Ibykus" von Friedrich Schiller
Friedrich Schiller, Goethes nicht ganz so dichterfürstlicher Kumpel, glaubte an das "Theater als moralische Anstalt". Seine Ballade "Die Kraniche des Ibykus" bekennt sich nicht nur zum klassisch-antiken Griechenland als Bezugsfläche Nr. 1 der Weimarer Klassik (Theater war damals aus Sicht der deutschen Klassik ein gesellschaftlich wie individuell bedeutendes Mittel zur sittlichen Festigung von Gemeinschaftsleben und persönlichem Charakter). Ibykus´ Mörder, die den beim Volk so beliebten Sänger beim Raub erschlugen, werden durch den Chorgesang auf der Bühne des Amphitheaters an die Macht der Rachegöttinnen (Erinnyen) erinnert, dadurch nervös und verraten sich schließlich selbst, als sie über dem Theater ein "Kranichheer" vorüberziehen sehen – Ibykus hatte im Todeskampf die Kraniche angerufen, weil menschliche Retter weit und breit nicht in Sicht waren, sie sollten "seines Mordes Klag`" erheben. Was sie hiermit auch getan haben. "Die Szene wird zum Tribunal" – das Theater als moralische Anstalt.
Sprecher: Rolf Boysen
Helmut Qualtinger und Johann Sklenka: "Der Menschheit Würde ist in Eure Hand gegeben"
Helmut Qualtinger und Johann Sklenka: "Der Menschheit Würde ist in Eure Hand gegeben", Kult-Szene des Wiener Parodisten – und Couplet-Urviechs Qualtinger über die schwierige Selbstrechtfertigung zweiter Hintergrundmimen im Garderobenraum hinter einer Provinzbühne. Aufnahme stammt aus dem Jahr 1959.
Jan Weiler: "Weise Sichtweisen"
Die Kolumne von Jan Weiler "Mein Leben als Mensch" können Sie nach der Erstausstrahlung am Sonntag bis zum folgenden Dienstag hier nachhören.
Musik dieser Sonntagsbeilage
Playlist
Paul McCartney, "Riding to Vanity Fair"
"Muppets Show Theme"
Paul Weller, "That's entertainment"
Max Hansen, "Jetzt geht's der Dolly gut"
Element of crime, "Sommerschlußverkauf der Eitelkeiten"
"Das Publikum war heut wieder wunderbar"
"There's no business like show business"

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Johann Braun, Sonntag, 05.Februar, 18:03 Uhr
1. Sonntagsbeildage
Sehr geehrte Damen und Herren,
da haben Sie Ihr Onlineangebot ja gewaltig ausgebaut. Respekt.
Was noch fehlt, das ist aber ein Podcast (download) von der Sonntagsbeilage. Ich weiß, ich weiß, da gibt es das Problem mit Lizenzen oder Rechten - schön wäre es aber schon.
Mit freundlichen Grüßen
Johann Braun