Sonntagsbeilage Über das Nichtstun
Nichtstun hat einen schlechten Ruf. Der Augenblick darf nie so schön sein, dass er verweilt. Eine riesige Unterhaltungsmaschinerie hat alle Beschaulichkeit längst auch aus unserer Freizeit verdrängt.
- Die Sonntagsbeilage und das Nichtstun
- "Aus dem Leben eines Taugenichts" von Joseph von Eichendorff
- "Oblomow" von Iwan Gontscharow
- "Ich bitte um ein Wort..." von Alfred Estermann, Wolfgang Schopf (Hgg.)
- "Kream Korner" von Anna Katharina Fröhlich
- "Stilfragen: Zwischen Mode und Verzeiflung"
- Jan Weiler: "Likörhölle"
- Musik dieser Sonntagsbeilage
Die Sonntagsbeilage und das Nichtstun
Ein unermüdliches Tätigsein in immer mehr Lebensbereichen hat uns vergessen lassen, wie sich das "Nichtstun" anfühlt. Was tun wir, wenn wir nichts tun? Wenn wir die Zeit einfach auf uns zukommen lassen? Antwort geben Texte von Joseph von Eichendorff, Iwan Gontscharow, Wolfgang Koeppen, Loriot und Anna Katharina Fröhlich. Mit Anmerkungen von Gregor Hoppe und der Jan Weiler-Kolumne "Mein Leben als Mensch". Die Musik steuern die Rolling Stones bei, Edgar Ott, Hanny van Dannen und Console.
Nichtstun hat einen schlechten Ruf. Der Augenblick darf nie so schön sein, dass er verweilt. Eine riesige Unterhaltungsmaschinerie hat alle Beschaulichkeit längst auch aus unserer Freizeit verdrängt. "Laßt die Finger weg von unserer Langeweile" rief der Schriftsteller Wilhelm Genazino in seiner Dankesrede zum Büchnerpreis den Agenten der Erlebnisgesellschaft zu. Denn Langeweile ist nicht nur furchtbar, sie ist auch fruchtbar. Forscher haben belegt, dass heutige Menschen im Durchschnitt allein 19 Minuten am Tag nichts tun. Meist unbewusst. Die Literatur indes erzählt von wahren Meistern des Nichtstuns, glücklosen und erfolgreichen.
"Aus dem Leben eines Taugenichts" von Joseph von Eichendorff
ist eine 1826 veröffentlichte Novelle mit märchenhaften Zügen. In den Text hat der Schriftsteller einige seiner schönsten Gedichte eingestreut, darunter die später auch vertonten Verse: "Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt." Taugenichts ist ein typischer Romantiker, der von Fernweh getrieben wird und nach Freiheit und Individualität strebt. Im Laufe seiner Reise zeigt sich schnell, dass er ein ziemlich tauglicher Taugenichts ist und weitaus mehr vom Leben versteht als das angepasste Bürgertum, das ihm Faulheit vorwirft und seinen Lebensstil missbilligt. Taugenichts steigt aus der kleinen, überschaubaren und eintönigen Welt der Tüchtigkeit aus und begibt sich hinaus ins Freie, ins Unbestimmte auf die Suche nach Lebenssinn. Dabei erleidet er auch Rückschläge und Niederlagen, doch seine Suche nach Glück führt schließlich zum Erfolg. Kein Wunder also, dass Eichendorffs Taugenichts Vorbild war und ist für viele Zivilisationsflüchtige, die nach einer Lebensalternative Ausschau halten fern von den Gesetzen der Ökonomie.
Sprecher: Volker Spahr
"Oblomow" von Iwan Gontscharow
"Oblomow" (1859) war zur Zeit seines Erscheinens ein Bestseller. Ganz Russland las den Roman und diskutierte heiß über seinen Inhalt: die grenzenlose Langeweile. Die Lebensuntüchtigkeit und Antriebslosigkeit des Titelhelden wurde im Russischen sogar sprichwörtlich: "Oblomowschtschina" bedeutet das Versinken im Nichtstun bis zum endgültigen Verfall. Gontscharow wollte seinen Landsleuten einen Spiegel vorhalten und geißelte die Trägheit. Andererseits jedoch kritisiert der Roman leere Betriebsamkeit und Unrast.
Mitte des 19. Jahrhunderts beherrscht die Petersburger Journale Russlands bis heute aktuelle Gretchenfrage: Osten oder Westen? Die Niederlage des zaristischen Imperiums im Krimkrieg und die damit verbundene nationale Schmach verschärfte das ideologische Spannungsfeld zwischen der Originalität Russlands auf der einen (Position der Slawophilen) und der westlichen Ausrichtung (Position der Westler) auf der anderen Seite. Oblomow gehört mit seiner Herkunft aus einem alten russischen Adelsgeschlecht und seiner Lebensweise zu den Slawophilen. Sein Freund Stolz, ein tüchtiger Deutscher mit ausgeprägtem Geschäftssinn verkörpert die westliche Lebenshaltung. Stolz erregt jedoch schnell Abwehr beim Leser, sein Perfektionismus ist ebenso unmenschlich wie lächerlich. Oblomow hingegen wird vom Autor mit großer Liebenswürdigkeit gezeichnet.
Sprecher: Stefan Wilkening
"Ich bitte um ein Wort..." von Alfred Estermann, Wolfgang Schopf (Hgg.)
Der Briefwechsel Wolfgang Koeppen-Siegfried Unseld. Im Mittelpunkt steht die Frage, was hindert einen Autor daran, einen Roman zu schreiben. Über 30 Jahre lang verspricht Wolfgang Koeppen seinem treuen Verleger Siegfried Unseld, einen großen Roman, der jedoch nie geschrieben wird. Ein Luftschloss und ein trauriges Dokument des Aufschubs, ja des Scheiterns. Koeppen rettet sich mit Entschuldigungen und Versprechen von einem Jahr zum anderen. Aus der Dringlichkeit seiner Zeilen spricht, dass er selbst tatsächlich glaubt, diesen Roman zu schreiben. Selbstverblendung und Schreibillusion? Das ist nur der eine Teil der Wahrheit. Koeppen musste mit schwerer Lebensprosa kämpfen, seine Frau Marion war suizidgefährdet und schwer alkohol- und medikamentensüchtig.
Sprecher: Carsten Fabian
"Kream Korner" von Anna Katharina Fröhlich
Anna Katharina Fröhlich ist die Tochter des 1986 verstorbenen Schriftstellers Hans-Jürgen Fröhlich und lebt mit ihrer Familie am Gardasee. "Kream Korner" ist ihr zweiter Roman; die Kritik nahm ihn höchst lobend auf. 2011 stand "Kream Korner" auf der Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse. Die Handlung dieses heiteren Kurzromans lässt sich in drei Teile untergliedern, der Anfang und das Ende sind in Indien in einem versnobten Stadtpalast angesiedelt, während der mittlere Teil auf einem pittoresk verfallenen Landgut in der Provence spielt. Die Heldin und ihre Tante sind literarisch ambitionierte, sehr geistreiche Zeitgenossinnen, die zudem ein Faible für Gartenarbeit haben. An ihren indischen Gastgebern schätzt die Erzählerin vor allem Ritterlichkeit, der auch die beiden Damen nacheifern. Anna Katharina Fröhlich pflegt einen unverwechselbaren raffiniert-eleganten Sound, der sich wenig um literarische Moden schert. Mit "Kream Korner" ist ihr ein prägnantes Portrait des zeitgenössischen Indiens gelungen, wo unter dem Druck der Globalisierung einerseits viele Veränderungen stattfinden, andererseits jedoch jahrtausendealte, ewige Traditionen nach wie vor ihre Gültigkeit haben.
Sprecherin: Caroline Ebner
"Stilfragen: Zwischen Mode und Verzeiflung"
Gregor Hoppe: "Nichtstun"
Das Leben sei ein einziger Lernprozess, sagte mein Vater gern, wenn er mal wieder einen Job verloren hatte und einen neuen im Auge. Das schätzen heutzutage die meisten übrigens ganz ähnlich ein: Von der neuesten Zusatzqualifikation zur nächsten Fortbildungsmaßnahme gehetzt, sind die Durchschnittsarbeitnehmer inzwischen auf einen ganzen Gewerbe-, Industrie- und Therapiesektor angewiesen, der ihnen einzig und allein das beibringt, was sie nicht mehr beherrschen: entspannen, faulenzen, nichts tun. Selbst die immer weniger werdenden glücklichen Zeitgenossen, die sich in der Sicherheit einer Festanstellung wiegen, sind da nicht ausgenommen: Immer weiter lernen, stets die berufliche Selbstoptimierung im Auge...
Jan Weiler: "Likörhölle"
Die Kolumne von Jan Weiler "Mein Leben als Mensch" können Sie nach der Erstausstrahlung am Sonntag bis zum folgenden Dienstag hier nachhören.
Musik dieser Sonntagsbeilage
Playlist
Rolling Stones, "Time is on my side"
Edgar Ott, "Probier‘s mal mit Gemütlichkeit"
Fanny van Dannen, "Molekulare Müdigkeit"
Console, "Of Time"

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Luise Geist, Sonntag, 12.Februar, 21:45 Uhr
4. Sonntagsbeilage 12.02.2012
Meine Euphorie war groß: das haben die tatsächlich perfekt hingebracht, die kongeniale Nachfolge Gregor Hoppes in der Sonntagsbeilage! Und jetzt das: die süßliche Süffisanz einer weiblichen Moderatoren-Stimme, das ist einfach keine richtige Sonntagsbeilage! Da gehört unverzichtbar die rauere Ironie im Ton einer Männerstimme her! Wo war er heute, der Herr Hoppe, wenn abwesend wegen Krankheit, okay - aber wenn das ein Experiment war, darauf kann ich für mein Teil gerne verzichten!
Seine literarische Anwesenheit war übrigens auch kein reiner Grund zur Freude, denn neben Jan Weiler und Axel Hacke brauchen wir nicht noch einen dritten, der uns regelmäßig mit seinem Familienalltag beglückt. Einmal ganz nett, aber bitte nicht regelmäßig und wenn, dann höchstens im "Ende der Welt"! (Ein Gregor Hoppe hat schon so viel Kluges von sich gegeben, dass ich nicht glauben will, er könnte sich inhaltlich plötzlich am Kollegen Joa orientieren: da gibt es die Kinder und dann gibt es noch die Kinder und außerdem gibt es auch noch die Kinder !)
Kommen Sie zurück, wenn`s geht, Herr Hoppe, die ersten Sonntagsbeilagen dieses Jahres waren doch eine Freude! (Zumindest für mich)
Waldmann-Forkel, Sonntag, 12.Februar, 20:14 Uhr
3. Sonntagsbeilage 12.2.12
Sehr geehrter Herr Weiler
hiermit bitte ich sie um Zusendung Ihrer echt sehr amüsanten und zutreffenden Kolumne zum 60.Geburtstag.
mit freundlichen Grüßen
B.Waldmann-Forkel
Bischl, Sonntag, 12.Februar, 11:31 Uhr
2. Noch seichter gehts bald nimmer
Jetzt also eine Frau Hamel. Nicht nur ihr süßliches Gesäusel ist entnervend, ihre fehlende Professionalität ist es nicht minder.
Da gibt sich die Dame als Indienkennerin und spricht Lucknow als "Lucknoff" aus - hat sie wahrscheinlich mit Rußland verwechselt.
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