Bayern 2 - radioZeitreisen

Einführung der Schluckimpfung Der Trunk schmeckt gut

"Schluckimpfung ist süß, Kinderlähmung ist grausam" - dieser Slogan warb nach vier verheerenden Polio-Epidemien in Deutschland endlich für eine Impfung. Bayern verordnete ab dem 5. Februar 1962 als erstes Bundesland den süßen Trunk.

Autor: Thomas Kernert Stand: 30.01.2012
Ein Kind erhält eine Polio-Schluckimpfung | Bild: picture-alliance/dpa

"Der Trunk schmeckt gut!", befand Alfons Goppel, der damalige bayerische Innenminister, als die Polioimpfung vor 50 Jahren in Bayern eingeführt wurde. Das Zuckerwasser, angereichert mit ein paar Tropfen Medizin, sollte Deutschland Anfang der 1960er-Jahre von einer grausamen Vireninfektion befreien: von der Kinderlähmung. Zwischen 1909 und 1937 gab es in Deutschland vier Polio-Epidemien, die verheerendste ereignete sich 1952. Mindestens 100.000 Menschen hatten sich infiziert, es kam zu 9.706 offiziell erfassten Erkrankungen und 776 Todesfällen. In den Gesundheitsämtern läuteten landauf, landab die Alarmglocken.

Polio-Impfung | Bild: picture-alliance/dpa zum Artikel Polio Kinderkrankheit mit Spätfolgen

Eigentlich grassiert Polio weltweit nur noch in vier Ländern. Durch Importe bricht die Krankheit aber auch andernorts immer wieder aus. Eine Impfung wird weiterhin empfohlen, denn Kinderlähmung kann grausame Folgen haben. [mehr]

Doch zunächst gelang es in Deutschland nicht, die Seuche zu bekämpfen - auch nicht der 1954 gegründeten "Deutschen Vereinigung zur Bekämpfung der Kinderlähmung". Ein Jahr später schöpften die Deutschen Hoffnung: Der US-amerikanische Arzt Dr. Jonas Salk hatte einen Impfstoff gegen die Kinderlähmung entwickelt, der nach langer Prüfung für "unschädlich und wirksam" befunden wurde. Doch die Euphorie hielt nicht lange an. Nachdem 6 Millionen Kinder geimpft worden waren, erkrankten plötzlich 204 von ihnen an Polio - schuld war ein Produktionsfehler eines Pharmaunternehmens.

DDR als Vorreiter

Der Präsident der "Deutschen Vereinigung zur Bekämpfung der Kinderlähmung" sprach sich gegen "ungezielte und unkontrollierte Massenimpfungen" aus. In den USA wurde nach 6-wöchiger Unterbrechung weiter geimpft - in Deutschland war man verunsichert. Daran änderte auch zunächst die Entdeckung eines anderen amerikanischen Wissenschaftlers nichts: Albert Sabins Impfstoff gegen Polio musste man nicht spritzen, sondern man konnte ihn mit einem Stückchen Zucker einnehmen.

In der DDR warb man 1960 mit bunten Plakaten für die neue Schluckimpfung. Als sich in der BRD eine neue Epidemie ankündigte, schickte DDR-Minister Willi Stoph 1961 ein Telegramm an den damaligen Bundeskanzler Konrad Adenauer. Er machte das Angebot, "sofort 3 Millionen Einheiten des Impfstoffs von Sabin zu liefern. Da es sich um eine Schluckimpfung handelt, lässt sich die Rettungsaktion schnell und unkompliziert durchführen."

99 Prozent Rückgang

1961 traten noch 4.600 Polio-Erkrankungen auf, 1962 waren es nur noch 298 - das entspricht einem Rückgang von 99 Prozent.

Doch unmittelbar vor dem realen DDR-Mauerbau errichteten die Westdeutschen eine medien- und publikumswirksame, medizinische BRD-Mauer. Sie lehnten das Angebot aus dem Osten zunächst ab. Als sich die Epidemie jedoch weiter ausbreitete, zog der Freistaat Bayern die notwendigen Konsequenzen und verordnete die Einnahme des "kommunistischen" Medikaments. Die anderen Bundesländer zogen rasch nach. Was jahrelang zu endlosen Debatten und Querelen geführt hatte, ging nun plötzlich im Eiltempo über die Bühne: 22 Millionen Deutsche wurden polio-resistent.

Bis heute unheilbar

Helmut Todt als Emil Adolf von Behring | Bild: BR; Interaktion zum Artikel 01.06. | 13:45 Uhr BR-alpha Schatten des Todes Erfolgsgeschichte Impfung - Pocken, Polio und Diphtherie

Die Pocken, auch Blattern oder Variola genannt, sind seit über 3000 Jahren bekannt. Zu manchen Zeiten war das Pocken-Virus für mehr als zehn Prozent der Todesfälle auf der Welt verantwortlich. [mehr]

Bis heute ist die Kinderlähmung nicht heilbar. 90 Prozent der Infizierten wissen gar nicht, dass sie jemals Polio hatten. Sie werden "von selbst" geheilt. Kritisch wird die Lage bei etwa einem Prozent der Fälle, wenn die Polioviren Nervenzellen im Rückenmark befallen. Dann kann es zu Lähmungen der Arme, der Beine oder der Atmung, zu Gehirnschäden oder gar zum Tod kommen. Bei manchen Menschen, die in ihrer Kindheit an Polio erkrankt waren, kann es auch nach Jahrzehnten zu plötzlichen Spätfolgen kommen: Müdigkeit, Muskelkrämpfe und Schwierigkeiten beim Laufen.