Bayern 2 - radioZeitreisen

Norton I. Der Kaiser von Amerika

Heute geht die Reise nach Kalifornien, wo 21 Jahre lang ein Monarch herrschte, dessen Reich vielleicht nicht ganz von dieser Welt war, der aber in San Francisco noch heute zu den „local heroes“ zählt. Hierzulande hingegen ist er kaum bekannt – weshalb ihm Ulrich Zwack ein tönendes Denkmal setzt.

Von: Ulrich Zwack Stand: 10.02.2013
Joshua Abraham Norton | Bild: Urheber unbekannt

"Den Wunsch einer großen Mehrheit vorwegnehmend, erkläre und ernenne ich, Joshua Norton, ehemals Algoa Bay (Südafrika), und nun seit 9 Jahren und 10 Monaten San Francisco, Kalifornien, mich selbst zum Kaiser dieser Vereinigten Staaten. Und kraft der mir dadurch verliehenen Autorität befehle ich den Repräsentanten der verschiedenen Staaten der Union, sich am ersten Tag des kommenden Februars in der Music Hall dieser Stadt zu versammeln."

(Joshua Norton)

"Kaiser der Vereinigten Staaten und Schutzherr von Mexiko"

Es gibt Dinge auf Erden, die völlig undenkbar sind. Etwa dass die Vereinigten Staaten von Amerika von einem Monarchen regiert werden. Dennoch waren die USA zwischen dem 17. September 1859 und dem 8. Januar 1880 ein waschechtes Kaiserreich. Der "Emperor" war gebürtiger Engländer, führte den stolzen Titel "von Gottes Gnaden Kaiser der Vereinigten Staaten und Schutzherr von Mexiko" und hieß Norton I. – womit er vermutlich der einzige Kaiser der Geschichte war, der nicht beim Vornamen, sondern beim Nachnamen genannt wurde. Denn die Vornamen des Herrschers lauteten Joshua Abraham.

Seine Untertanen liebten ihn abgöttisch

Queen Victoria von England

Selbstverständlich war das Reich dieses Kaisers nicht von dieser Welt. Eigentlich schade. Denn er war bekennender Menschenfreund, und die Untertanen seiner Hauptstadt San Francisco liebten ihn abgöttisch. Er inspizierte persönlich den Zustand der Cable Cars und des Fahrbahnbelags, verhinderte beherzt ein Pogrom an chinesischen Arbeitern. Beim Ausbruch des Bürgerkrieges forderte er die Streithähne Abraham Lincoln und Jefferson Davis energisch auf, sich an einen gemeinsamen Tisch zu setzen, um sinnloses Blutvergießen zu vermeiden. Er setzte sich für den Bau der Bay Bridge ein, verbot die Verhunzung des Namens San Francisco zu "Frisco" – bei einer Strafe von 25 Dollar –, korrespondierte mit seiner gekrönten Kollegin Queen Victoria und stolzierte in einer schicken Uniform daher, für deren Anschaffung der Stadtrat aufkam. Zahlreiche Ehrungen wurden ihm zuteil: Er durfte kostenlos in den feinsten Restaurants speisen. Die Polizei musste vor ihm salutieren. Kein Geringerer als Mark Twain verfasste den Grabspruch für einen seiner Hunde und setzte dessen Herrchen im Roman "Huckleberry Finn" in der Figur des "Königs" obendrein ein persönliches Denkmal. Als Norton I. starb, trauerten die hauptstädtischen Untertanen zu Zigtausenden um den Verlust. Ulrich Zwack schildert Leben und Wirken eines selbsternannten und reichlich skurrilen, aber bei den Untertanen zur Abwechslung einmal höchst beliebten Potentaten.

Freunde und Verehrer bereiteten ihm ein fürstliches Begräbnis

Am 8. Januar des Jahres 1880, wollte der inzwischen vermutlich gut 65-jährige an einer Diskussion in der Naturwissenschaftlichen Akademie teilnehmen. Aber auf dem Weg dorthin erlitt er einen Schlaganfall und fiel tot zu Boden. Sein Vermögen belief sich insgesamt auf 5,50 Dollar und einen französischen Franc von 1828. Trotzdem sorgten Freunde und Verehrer für ein wahrhaft fürstliches Begräbnis. Nach den zeitgenössischen Berichten begleiteten den Sarg zwischen 10.000 und 30.000 Untertanen auf dem langen Weg zum Friedhof. Und bis auf den heutigen Tag pilgern viele Besucher im Woodlawn Memorial Park zu einem Grabstein, der die goldene Inschrift trägt: "Norton I. - Kaiser der Vereinigten Staaten und Schirmherr von Mexiko".


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