Egas Moniz und die Leukotomie Frankenstein auf diplomatischem Parkett
Er machte etliche seiner Patienten zu "Zombies" und bekam dafür 1949 den Nobelpreis. Mit der "Leukotomie", einer gehirnchirurgischen Operationsmethode, wollte Egas Moniz psychisch Kranke heilen. Die Eingriffe hatten oft fatale Folgen.
Rosemary Kennedy ist ein fröhliches Mädchen. Sie geht ins Theater, tanzt und schwimmt leidenschaftlich gern und nimmt am gesellschaftlichen Leben teil. Ihr sorgloses Wesen missfällt ihrem Vater Joseph Kennedy. Er beschließt, sie behandeln zu lassen – mit katastrophalen Folgen.
Der Portugiese Egas Moniz, Neurologe und ehemaliger Außenminister, hatte in den 1930er-Jahren ein Verfahren entwickelt, bei dem Teile des Hirns zerstört wurden. Damit sollte gezielt die Persönlichkeit eines Patienten verändert werden.
Das Verfahren
Bei der Leukotomie bohrt der Arzt dem Patienten ein Loch in den Schädel, durch das ein Messer eingeführt wird, um das Nervengewebe zwischen präfrontalem Stirnlappen und Limbischem System zu durchtrennen. Weil Letzteres für die Verarbeitung von Gefühlen zuständig ist, zielt die Leukotomie darauf, Schmerz und Angst auszulöschen. Zeitgenossen berichten, dass bei diesen Operationen oft "Zombies" herauskamen, die mit sich selbst nicht mehr viel gemein hatten.
Aus heutiger Sicht ist es unglaublich, dass Moniz 1949 "für die Entdeckung des therapeutischen Wertes der präfrontalen Leukotomie bei gewissen Psychosen" den Medizin-Nobelpreis erhalten hat. Die Wirksamkeit des Verfahrens ist äußerst umstritten und Moniz schreckte bei der Entwicklung der Methode vor nichts zurück: Oft waren es die Schwächsten der Gesellschaft, an denen er herumexperimentierte. Eines seiner ersten Versuchskaninchen war eine 63-jährige Prostituierte: Im streng katholischen Portugal der 30er-Jahre hätte niemand um sie geweint, wenn sie bei dem noch völlig unerforschten Verfahren ums Leben gekommen wäre.
Anwendungsgebiete
Die Leukotomie sollte Schizophrenie, Homosexualität und andere von der Gesellschaft als abwegig eingestufte Verhaltensweisen korrigieren. So forderten 1967 drei angesehene amerikanische Psychochirurgen im "Journal of the American Medical Association" unter der Überschrift "Die Rolle einer Gehirnkrankheit bei Krawallen und Straßenunruhen", Rädelsführer von Demonstrationen Gehirnoperationen zu unterziehen. Die BILD-Zeitung schlug das auch für Angehörige der Baader-Meinhof-Bande vor.
Umstrittener Nobelpreis
Die Leukotomie kann man durchaus mit den Menschenversuchen der Nazis vergleichen - nur sprach man das damals nicht aus. Schließlich handelte es sich bei den Ländern, in denen das menschenverachtende Verfahren Anwendung fand, um westliche Demokratien. Mit der Verleihung des Nobelpreises an Moniz legitimierte die schwedische Akademie auch die eigene Führungsrolle in dieser umstrittenen Disziplin.
Auch in den USA boomte das Verfahren in den 40er- und 50er-Jahren unter dem Namen "Lobotomy". Joseph Kennedy, der sich um den guten Ruf der Familie sorgte, hoffte mit ihrer Hilfe die Launen seiner Tochter Rosemary zu bändigen und ließ sie operieren. Die einst lebensfrohe junge Frau erholte sich von dem Eingriff nie wieder. Nach der Operation im Herbst 1941 konnte sie nur noch vor sich hin stammeln, wurde inkontinent und musste mit ihren 23 Jahren fortan die meiste Zeit im Rollstuhl sitzen.
Kurz-Biografie von Egas Moniz
- Geboren am 29. November 1874 in Avança (Portugal)
- Studium der Medizin im portugiesischen Coimbra, Bordeaux und Paris
- 1900 Habilitation in Neurologie
- anschließend Professor für Neurologie an der Universität Lissabon
- 1918-1919 portugiesischer Außenminister
- 1935 Erste Versuchsreihe der Leukotomie
- 1939 Anschlag: Einer seiner Patienten jagt Moniz fünf Kugeln in die Brust – fortan sitzt er im Rollstuhl
- 1949 Nobelpreis für Medizin
- Am 13. Dezember 1955 stirbt Egas Moniz im Alter von 81 Jahren in Lissabon

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