Das Inflationsgenie Aufstieg und Fall des Camillo Castiglioni
Für seine Bewunderer war Camillo Castiglioni ein Meister der Geldvermehrung, für seine Gegner nichts als ein Kriegs- und Inflationsgewinnler. Sein unternehmerisches Geschick war unbestritten – BMW etwa brachte er in schwieriger Lage als Alleinaktionär wieder auf Erfolgskurs. Reinhard Schlüter folgt den Spuren von Castiglionis dramatisch bewegtem Leben - und stößt dabei nicht von ungefähr auf die eine oder andere Parallele zu heutigen Phänomenen und Verwerfungen.
Wer sich mit der Finanz- und Wirtschaftsgeschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts befasst, trifft unfehlbar auf den Namen jenes Mannes, der BMW als Alleineigentümer (1922-26) zum Automobil- und Motorradproduzenten machte und dessen Beteiligungskonsortium Mitte der 1920er Jahre Dutzende Großunternehmen und Banken in Deutschland, Österreich, den Balkanländern und Italien umfasste: Camillo Castiglioni. Indessen haften dem gebürtigen Triestiner vor allem zwei Attribute an: "Haifisch" und "Inflationsgewinnler". Tatsächlich ist Castiglionis kometenhafter Aufstieg vom Reifenvertreter zum multinationalen Drahtzieher vor allem den wirtschaftlichen Verwerfungen nach dem Ersten Weltkrieg geschuldet.
"Kaufe heute, zahle morgen in entwerteter Valuta!"
Wie außer ihm nur noch der deutsche Industrielle Hugo Stinnes versteht es Camillo Castiglioni, die in Europa zu unterschiedlichen Zeiten in unterschiedlicher Heftigkeit ausbrechende Inflation so zu nutzen, dass sein Vermögen binnen weniger Jahre exponentiell wächst. Sein Prinzip: 'Kaufe heute, zahle morgen in entwerteter Valuta!' Sechs Jahre lang schöpft Castiglioni aus dem Vollen, stattet sein mit Inflationsgeldern erworbenes Wiener Palais mit Schätzen des europäischen Kunsterbes aus, lässt Decken aus Florentiner Palästen importieren, hält in der Manier italienischer Renaissancefürsten Hof und reist im Salonwagen des letzten österreichischen Kaisers durch die Lande. Daneben gefällt er sich als Mäzen, indem er etwa Max Reinhardt den Umbau des Wiener "Theaters in der Josefstadt" im Stil des "Teatro Fenice" finanziert. Das Jahr 1924 bringt die Wende. Castiglioni spekuliert gegen den im Sinkflug befindlichen französischen Franc und erfährt mit einem Mal schmerzhaft, dass sich in dem internationalen Haifischbecken namens "Finanzmarkt" noch gefährlichere Fische tummeln als er.
Freie Bahn für den "Vizekönig der Inflation"
Der Angriff auf die französische Währung beginnt am 2. Januar 1924. Dabei hatte es seit November 1923 den Anschein, als herrsche endlich Stabilität in Europa: 4,2 Billionen Papiermark hatte der US-Dollar am letzten Tag der deutschen Hyperinflation gekostet. Seit Einführung der "Rentenmark" liegt der Kurs nun bei stabilen 4 Mark 20. Auch sonst scheint in Europa endlich Ruhe einzukehren. In Bayern sitzt der gescheiterte Umstürzler Adolf Hitler in Untersuchungshaft. Und obgleich Frankreich 1923 das Ruhrgebiet besetzte, werden zwischen den erklärten "Erbfeinden" erste diplomatische Bande geknüpft. Indes gibt es neben den Millionen Verlierern des Weltkrieges, des wirtschaftlichen Niedergangs und der Inflation auch jene, die aus alledem Profit zu ziehen wussten, und die nun in dem schwächelnden Franc ihre vielleicht letzte Chance wittern, die erprobte Methode des Inflationsgewinns erneut durchzuziehen. Hugo Stinnes, der ungekrönte König aller "Kriegs- und Inflationsgewinnler", ist krank und muss diesmal passen. Zudem zählt Stinnes zu jenen, die inzwischen von der Notwendigkeit eines friedlichen Zusammenwirkens mit Frankreich überzeugt sind. So scheint der Weg frei für den "Vizekönig der Inflation": den 44-jährigen Camillo Castiglioni!
Parallelen zu heutigen Phänomenen
Reinhard Schlüter folgt den Spuren dieses dramatisch bewegten Lebens und stößt dabei nicht von ungefähr auf die eine oder andere Parallele zu heutigen Phänomenen und Verwerfungen.

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