"Heile, heile Segen" Arsenik: Ein tödliches Gift als Lebenselixier
Einerseits gefürchtetes Mordgift, andererseits das Viagra des 19. Jahrhunderts: Arsen in allen seinen Variationen und Verbindungen gilt als König der Gifte. Unter dem Namen "Hüttenrauch" sorgte Arsenik für draufgängerische und hitzige Pferde - und Pferdeknechte.
Gutes, im Übermaß genossen, kann schädlich sein. Schädliches hingegen, in niedriger Dosierung, kann heilsam sein. Das gilt auch für eines der berühmtesten Gifte: Arsen. In elementarer Form ist es nahezu ungiftig. Ganz anders Arsenik, das bei Erhitzung oder Oxydation von Arsen entsteht. Das Teuflische daran: Es ist geruchs- und geschmackslos und ist daher bekannt als Mordgift.
Erbschaftspulver und Ahnlvertilger
Österreich war bis ins 19. Jahrhundert hinein der weltweit größte Arsenproduzent. Die Chemikalie wurde als Grundlage in der Glas-, Farben- und Munitionsherstellung eingesetzt sowie als Beimengung in Medikamenten, um Haut- und Geschlechtskrankheiten zu behandeln. Oder eben als todsicheres Mittel, um lästige Zeitgenossen ins Jenseits zu befördern - Arsenik wurde daher im Volksmund auch Erbschaftspulver oder Ahnlvertilger genannt. Es gab aber auch Zeiten, in denen Arsenik - vor allem in der Steiermark - in kaum einem Bauernhaus fehlen durfte: wegen seiner berauschenden Wirkung.
Der Hüttenrauch zeigt eine berauschende Wirkung
In geringen Mengen genossen, hatte Arsenik eine gefühlte Leistungssteigerung zur Folge. So wird in der in Wien erschienenen Neuen Illustrierten Wochenschau aus dem Jahr 1954 ein Landwirt beschrieben, der seit vielen Jahren Hüttenrauch immer in Abständen von einigen Tagen einzunehmen pflegte: Er habe nach einer Prise Arsenik besser ausgesehen und sei regsamer geworden. "Es sei nur unangenehm, dass man schließlich ohne die gewohnte Prise nicht mehr leben könne."
Aufgeputsche Feuerpferde
Die Pferdeknechte schliefen damals häufig im Stall bei ihren Schützlingen. Schon allein von deren Ausdünstungen sollen sie süchtig nach dem Rauschmittel Arsenik geworden sein. Und viele haben sich geradezu genötigt gesehen, das Gift selbst zu schlucken, um den vom Arsen aufgeputschten Feuerpferden ein Gefühl der Zugehörigkeit zu vermitteln. Oder um sie im Zaum zu halten: Die Pferde waren hitzig, leicht reizbar und es brauchte arsenikgedopte, ganze Kerle, um sie zu bändigen.
Viagra des 19. Jahrhunderts
Arsenik regte aber auch die "Geschlechtslust" an und war daher ein geschätztes "Aphrodisiacum". Und nicht nur das: Es wurde sogar als Abtreibungsmittel verwendet. Der österreichische Landesmedizinalrat Dr. Julius Edler bat in einem Rundschreiben an die Ärzte in der Steiermark, ihre Erfahrungen mit den Arsenikessern zu schildern. Das Ergebnis: Arsenikesser waren starke, gesunde Leute, die oft schon im frühen Alter in diese "Gewohnheitssünde" verfallen "und werden dabei alte Leute (76 Jahre)".
Warnung vor dem Gift
Allerdings steigerte Arsenik auch den Appetit - und sorgte bei Ross und Mensch für üppige Rundungen. Frauen erhofften sich davon ein faltenfreies Gesicht, strahlende Augen, glänzendes Haar, einen vollen Busen und leidenschaftliches Temperament. Aber der Volksmund warnte schon damals: "Ein Weizenkorngroß macht rot, ein Erbensgroß macht tot."
Die Wiener Medizinische Wochenschrift beschrieb 1851, wie die Knechte mit ihren Pferden umgingen:
"Sie streuen ihnen entweder pulverisiert eine starke Dosis auf den Hafer, oder binden ein erbsengroßes Stück in Leinwand und befestigen es an der [Gebiss-] Stange, wenn das Pferd aufgezäumt wird, wobei sich durch den Speichel das Arsenik allmählich auflöst. Das glänzende, runde, schöne Aussehen der meisten Wagenpferde und besonders das beliebte Schäumen rühren in der Regel von der Arsenfütterung her."
Wiener Medizinische Wochenschrift

Wetter

