Christoph Lindenmeyer Wolf Euba zum Abschied
Am Donnerstag verstarb Schauspieler, Regisseur und Autor Wolf Euba. Seine Arbeiten wurden mit zahlreichen Auszeichnungen gewürdigt. Christoph Lindenmeyer erinnert an die Bescheidenheit, Präzision und Kollegialität Eubas, der lange Zeit d i e Stimme des Bayerischen Rundfunks war.
Wer so verschmitzt wie Wolf Euba bayerische Eigentümlichkeiten im Fernsehen präsentierte (das ist schon länger her), wer mitunter so grimmig wie er bayerische Volkstümelei mit Schweigen strafte, wer so empathisch seine Stimme im Bayerischen Rundfunk, im Bayerischen Fernsehen, in Hörbüchern und bis zuletzt in einer Vielzahl an öffentlichen Lesungen den Texten literarisch Vergessener, aus Deutschland Vertriebener und von ihm wiederentdeckten Autorinnen und Autoren lieh, der muss ein zutiefst gebildeter wie kritischer Interpret gewesen sein: Wolf Eubas Stimme war wie wenige andere über Jahrzehnte d i e Stimme des Bayerischen Rundfunks und sie war zugleich ein Markenzeichen für den Kulturanspruch des öffentlichen-rechtlichen Rundfunks und für dessen mit Intelligenz und Kreativität wahrgenommenen Kulturauftrag.
Programmänderung
Angesichts seines Todes haben wir das Programm geändert und senden in memoriam zwei Sendungen von und mit Wolf Euba in radioWissen ab 15.05 Uhr.
Auch als Regisseur ungezählter künstlerischer und dokumentarischer Produktionen arbeitete Wolf Euba höchst penibel, kritisch und stets der literarischen Vorlage verpflichtet. Seine Handschrift bei der Gestaltung der Produktionen für den Hörfunk war für aufmerksame Hörerinnen und Hörer schnell entzifferbar: Kitsch, Begleitmusik und schnelle Soundeffekte waren seine Sache nicht. Er kämpfte für Qualität, für Anspruch und Tiefe: in jener bayerischen Verschmitztheit, zu der nur ein aus Bayern stammender – genauer: in Nürnberg geborener - Weltbürger fähig war. Er hatte nach dem Studienabschluss in Englisch und Französisch in den USA als Fulbright-Stipendiat gelebt, nach seiner Rückkehr folgte eine Schauspielausbildung. Bis zuletzt erlebte sein Publikum bei den öffentlichen Veranstaltungen, die mal ausverkauft, mal schmal besucht waren, einen Künstler, der bayerische und französische Literatur mit seiner Mimik beseelte, manchmal mit einem funkelnden Blick, manchmal mit überraschenden Pausen: Selbst bekannte Texte wie zum Beispiel von Oskar Maria Graf lebten durch ihn in ganz neuer Form auf.
Wolf Euba war im übrigen immer ein Entdecker jüngerer Talente. Er war es, der den Schüler Udo Wachtveitl anderen BR-Redaktionen als Sprecher empfahl, er teilte sich seine öffentlichen Lesungen mit Musikern, er stellte sich auf Orchester ein, wenn er als Sprecher in Oratorien und Melodramen mitwirkte.
Vor Jahren während einer USA-Reise von einer gesundheitlichen Krise überrascht, entschied sich Wolf Euba, der bis dahin Vielbeschäftigte und Omnipräsente, für einen neuen Arbeitsstil: Er nahm (fast immer) nur einen Auftrag pro Tag an, streifte ab, wozu andere fähig waren, konzentrierte sich auf dieses Eine und überraschte sein Publikum mit literarischen Stoffen, die ihn selbst noch überraschen konnten.
Über seine zahlreichen Auszeichnungen, die auch seinen Hörspielrollen im Bayerischen Rundfunk und in der ARD galten, freute er sich, aber er zeigte sie nicht demonstrativ herum und sprach darüber nicht. Seine sprichwörtliche Bescheidenheit wäre aber missverstanden, wenn sie nur als Zurückhaltung aufgefasst würde. Denn Wolf Euba konnte kämpfen und streiten und er tat dies mit großem Engagement: Dann zum Beispiel, wenn er in Manuskripten Fahrlässigkeiten und Ungenauigkeiten entdeckt hatte, wenn er einen inhaltlichen Vorbehalt hatte oder wenn ihm Texte als zu glatt erschienen. Da konnte er dann heftig und zornig werden, Gnade Gott dem Autor, der Autorin oder den Redakteuren, die sich dann von diesem kundigen Kritiker belehren lassen mussten, nein, die von ihm anzuhören hatten, was richtig sei und was falsch. Diese Präzision und seine Unerschrockenheit gegenüber jeder Institution und jeder Person waren es, die seine Sendungen auszeichneten.
Der Bayerische Rundfunk verliert mit Wolf Euba einen immer sorgfältig arbeitenden wie kritisch Denkenden, einen höchst kollegialen und zugleich so unbestechlichen wie wunderbaren Ausnahmesprecher und Ausnahmeregisseur, wie es über Jahrzehnte in seiner Geschichte nur ganz wenige gab. Bei aller Trauer gibt es das Glück, in Wiederholungssendungen immer wieder dieser melodiösen bayerischen Stimme, diesem klaren Verstand, dieser interpretatorischen Perfektion und diesem Entdecker kantiger Stoffe und kantiger Themen begegnen zu dürfen: diesem grandiosen Wolf Euba, der sich sein Leben lang für die Mutigen mehr interessierte als für die Anpasser und Modischen.

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