Tattoo oder Trikot Was wollen wir auf der Haut?
Da legst di nieder! Gilt etwa ausgerechnet der ruppige schwedische Spieler Zlatan Ibrahimovic als Idol der Jugend? In Zeiten der EM schlägt das Vorbild Fußballspieler jedenfalls voll auf den Alltag durch.
Neulich brachte ich unseren Sohn zum Sportplatz – und stand plötzlich Ibrahimovic gegenüber. In gelb und blau kam er aus der Umkleidekabine. Oder besser: sein Trikot kam. Drin steckte ein Halbstarker, der erst mal seinen Kumpel die Treppe hinunter stupste und auf die Frage nach seinem Geisteszustand mit einem Grinsen der Sorte "Halt die Klappe, Alter" antwortete.
Ganz wie sein Vorbild, der Fußball-Gott. Vergangenen Samstag vermehrte sich die Zahl dieser Gottheiten hierzulande explosionsartig. Millionen Männer, Frauen und Kinder streiften nachmittags Kicker-Leibchen über und strömten zum Public-Viewing oder vor den Fernseher. In einigen Landesteilen imitierte die Sonne dazu Hysterien namens Sommermärchen 2006 und 2010. Ein Flashback: "Schland" war wieder da, samt Poldi, Schweini und Miro Klose.
Nun trennt uns aber nicht nur das Wetter dieses Sommers von den guten alten Zeiten, sondern auch der Schnitt der Trikots: Sie liegen enger an als vor zwei oder sechs Jahren, was bei vielen Fans die physischen Defizite – vulgo: Fettpolster – unvorteilhaft zur Geltung bringt.
Dazu haben sie dünne Schrägstreifen, was für den echten Afficionado ein ähnlich gewaltiger Unterschied ist wie für Diplom-Fußball-Strategen die Spielweise der Löw‘schen Elf im Vergleich zum Rumpelkick unter Rudi Völler.
Trotzdem: Kostet ja nur 90 Euro, so ein EM-Trikot. Dafür, das haben EU-Verbraucherschützer gemessen, gibt’s eine kleine Bleivergiftung gratis dazu, vor allem bei den Jerseys der Spanier und dem legendären schwarz-weißen Preußen-Outfit der Deutschen sollen es die Krägen sozusagen in sich haben. Ob ein Bier mehr reicht zum Rausspülen des Schwermetalls?
Wo wir gerade über Gift reden: das Betrachten der Hardcore-Ballnarren zwischen Danziger Bucht und stillem Don nährt den Verdacht, Trikots sind nicht mehr das einzige "Must" auf der Tribüne. Das Publikum dieser EM glänzt auch mit Imitationen jener Ganzkörpermalereien, die sich seine Idole zwischen Trainingseinheit und Fototermin beim örtlichen Porsche-Händler auf ihren Torso ritzen lassen.
Den Anfang des Trends machte David Beckham, der aber inzwischen selbst für die Engländer zu langsam ist. So bleiben Signore Cassano aus Italien, einer der Portugiesen, die mit "-esch" enden – und natürlich "unser" Jérôme Boateng mit seinem zweitem Vornamen und der kleinen Afrika-Karte auf den Armen übrig bei der Wahl zum "Mr. EM-Tattoo".
Früher waren Tätowierungen ein Monopol der Seeleute, dann verpassten Rancher in Texas ihrem Vieh ein Brandmal auf den Rücken. Vielleicht würde bei manchem Fußball-Esel die Performance besser, wenn man ihm den Verein einritzen würde, für den er gerade antritt. Wenn er dann wechselt: kein Problem! Das zahlen wir Fans, indem wir weiter Trikots kaufen, sodass der Verein sich den Star und der wiederum die Hautbehandlung leisten kann. Nennt sich Wertschöpfung, das Ganze – und läuft ähnlich rund wie ein Fußball, wenn Ibrahimovic ihn tritt.

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