Bismarcks posthume Lautstärke Stimmen aus dem Jenseits
Still und stumm thront der Eiserne Kanzler Bismarck über der Hansestadt Hamburg. Und plötzlich taucht eine Tonaufnahme von ihm auf! Was könnte er nicht alles mitteilen, wäre der Jenseitsphonograph doch schon erfunden.
Ist das nicht wunderbar? Da spricht Bismarck zu uns, posthum, aus dem Jahr 1889. Eine Stimme aus einer Zeit, in der der Phonograph gerade erfunden worden war. Ein Schall- oder Klangschreiber. Oder, wie Erfinder Edison selber sagte, eine "Sprechmaschine".
Zum Glück hat sich dieser höchst missverständliche Ausdruck nicht für Aufzeichnungsgeräte erhalten, trifft der Begriff doch sehr genau bestimmte Zeitgenossen, die von unerklärlichem Erzähldrang beseelt alles, was ihnen einfällt, mitteilen müssen.
Menschliche Phonographen sprechen und sprechen...
Ist ja, biologisch gesehen, auch ein kurzer Weg vom Hirn zum Mund und so strömen die Worte zuweilen so unaufhörlich aus diesen menschlichen Phonographen, dass man getrost von Beschallern sprechen könnte, die, was sie so aufnehmen, zur Qual ihrer Mitmenschen unverzüglich wiedergeben müssen.
Ob das bei Bismarck so war, weiß man nicht, aber für manche Menschen aus der Politik heute hat sich der despektierliche Ausdruck Lautsprecher eingebürgert.
Da freilich liegt der Akzent weniger auf der Menge des Gesagten als mehr als auf dem Volumen, also der stimmlichen Stärke, mit der sie meinen, hinausposaunen zu müssen, was ihnen wichtig ist.
Kommt es zu einer Kombination aus ungezügeltem Sprechbedürfnis und anschwellender Lautstärke, kann das körperverletzende Ausmaße annehmen.
Verstorbene Politiker belauschen - was kommt da raus?
Auch stellt sich die Frage, und da wären wir wieder beim Phonographen und bei Bismarck, was solche Menschen posthum bewegen mag. Sprechen sie weiter?
Um das herauszufinden gibt es Vereinigungen, die mit Aufnahmegeräten versuchen, die Stimmen der Verstorbenen aufzunehmen. Sie wollen Ihnen also technisch ablauschen, was mit dem normalen Gehör nicht zu erfassen ist. Das wäre, recht besehen, für beide Seiten ein Trost: die Lebenden sind befreit von der sprachlichen Dauerbeschallung, während die Dahingeschiedenen nun unverdrossen schattenhaft - modernen Aufnahmetechniken sei Dank - sich mitteilen können.
Wen zum Beispiel würde sich Angela Merkel heraussuchen? Etwa Bismarck? Vermutlich nicht. Obwohl der Deutschland zu einer europäischen Großmacht machte. Oder eher Madame Pompadour? Also bitte...
Würden griechische Politiker Themistokles zuhören, der das Land einst von der Bedrohung durch die Perser befreite? Und wem würde Sarkoszy lauschen? Wer hier an Napoleon denkt, ist ein Schuft.
Und vielleicht funktioniert der Jenseitsphongraph längst. Zwischen Rauschen, Knattern und Knacksen merkwürdige Geräusche. Stimmfetzen. Sätze, wenn man sie wieder und wieder hört. Geheimnisvolle, unverständliche Anweisungen.
Warum ich so einen Unsinn erzähle? Zurückgefragt: Ja, ist unsere Politik nicht danach?

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