Ausgeträllert Die Deutschen verweigern das Singen
Keine Melodien. Millionen Deutsche haben kein Lied mehr auf den Lippen. Ihnen geht der gute Ton am Stimmband vorbei. Wie schade.
Dass wir eine Euro-Krise haben, das ist halt so. Dass wir zwei Jahre nach Lenas Eurovisions-Erfolg aber in Deutschland auch in eine Gesangs-Krise geschliddert sind, das muss uns Sorge bereiten.
Immunisiert uns doch gerade die Erhebung unserer Stimme zum Gesang gegen alles, was uns stimmungsmäßig runterzieht. "Hab ein Lied auf den Lippen mit fröhlichem Klang, und macht auch des Alltags Gedränge Dich bang", weiß der Volkslied-Mund schon lange - und trällert weiter: "Hab ein Lied auf den Lippen, dann komme, was mag, das hilft Dir verwinden den einsamsten Tag!"
Gerade in Zeiten, da es uns gut tut, wenn unsere Stimmung ein wenig besser ist als die Lage, gilt es, Ursachenforschung zur Krise des Gesangs in deutschen Landen zu betreiben. Denn zu so unterschiedlichen Betätigungen wie: Sport, Kochen, Autofahren, Karriere machen oder Sparen entfielen bei der Frage: "Worin haben Sie den geringsten Ehrgeiz?" die weitaus meisten Nennungen auf: das Singen.
Einem Drittel der in einer repräsentativen Umfrage des EMNID-Instituts interviewten Deutschen geht es schlicht am Stimmband vorbei. Weshalb wir mit dem Altmeister bundesdeutschen Gesanges, mit Udo Jürgens philosophisch tremolieren: "Warum nur, warum, muss alles vergeh‘n, warum nur, warum, bleibt gar nichts besteh'n?"
Vielleicht, weil es so lange her ist, dass – vom höchsten Staatsamt ausgehend – die Sangesfreude gefördert worden ist? 1974 brachte der damalige Bundespräsident mit zwei Düsseldorfer Männergesangsvereinen nicht etwa das Lied: "Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Beste, was es gibt auf der Welt" zum Vortrag, wohl aber quoll aus Walter Scheels Kehle: "Hoch auf dem gelben Wagen, sitz' ich beim Schwager vorn. Vorwärts die Rosse traben, lustig schmettert das Horn."
Noch im gleichen Jahr nahm dann uns eine postfeudalistische Lichtgestalt, Franz Beckenbauer, der Kaiser, mit "Gute Freunde kann niemand trennen, gute Freunde sind nie allein" mit seinem grundbescheidenen Stimmaufwand jedwede Schwellenangst vorm öffentlichen Gesang.
Wem bis dahin noch immer nicht geholfen war, dem half Gotthilf Fischer, geborgen unter Tausenden anderen im Stadionrund, das eigene Stimmchen, wie dünn, wie ölig oder grölig auch immer, einzuschmelzen ins Konzert der Millionen.
Freddy Mercury, Friede seiner Asche, beförderte uns gar zu Champions of the world. Alles vorbei, seit man Gotthilf bei der Love-Parade Ecstasy eingeflößt hat.
Heutzutage jedoch fährt der noch so Sangesfreudige des Nachts schweißgebadet aus dem Schlaf, aufgeschreckt durch einen sehr blonden Mann, der Sätze sagt wie: "Deinen Gesang kannst Du Dir an die Dachpappe kleben."
Du bist allein auf der Bühne, Dein Lied ist aus und Big Brother Bohlen hat Dich gerade einen Klopups-Imitator genannt, mit einer Stimme wie eine volle Windel, mit Tönen wie zum Eier-Abschrecken. Es ist Superstar-Casting. Aber Du hast ja nur geträumt. Geh unter die Dusche und singe Dich frei.

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