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Zukunftsbilder der Science Fiction Von Sternenkriegen und Weltraumbestien

Mit "Unternehmen Stardust" erschien am 8.9.1961 das erste Heft der deutschen Science Fiction-Reihe "Perry Rhodan", die jetzt ihr 50-jähriges Bestehen feiert. Dabei ist 50 für einen Unsterblichen wie Perry Rhodan kein Alter. Doch wie ist es um die Zukunftsfähigkeit der Science Fiction selbst bestellt?

Autor: Markus Metz & Georg Seeßlen Stand: 30.08.2011
Perry Rhodan - Cover | Bild: picture-alliance/dpa

Am 8. September 1961 erschien in der damaligen Bundesrepublik Deutschland das erste Heft einer Serie von Weltraumabenteuern, benannt nach der Hauptfigur "Perry Rhodan". Daraus entwickelte sich die erfolgreichste Heftromanserie der damaligen Welt. Sie brachte es auf über eine Milliarde verkaufter Exemplare und überlebte alle Krisen und Wandlungen des Genres. Neben den Romanheften erschienen Taschenbücher, Hardcover, Nachdrucke, Hörspiele und sogar ein Film wurde gedreht. In gewaltigen Zyklen erzählten die Hefte und Bücher nicht weniger als "eine Menschheitsgeschichte der Zukunft".

Schon in "Unternehmen Stardust", dem allerersten Heft der Serie, die es mittlerweile auf über 2.600 Fortsetzungen gebracht hat, war die Verheißung vollkommen:

"Perry Rhodan führt hinein in die vor uns liegenden Jahrtausende und über Abgründe hinweg zu Sternenreichen, die seit Millionen von Jahren auf uns warten. Er führt in eine Zeit, in der die Nachkommen der Menschen von der Erde nur noch wie von einem Mythos reden und ein vereinsamter Planet um eine längst erloschene Sonne kreist, die einst Mittelpunkt des Universums war."

Aus 'Unternehmen Stardust'

Neue Probleme statt alter Konflikte

Die Science Fiction träumt davon, dass die Probleme von heute gelöst sind - kein Hunger mehr, keine Krankheiten, keine Kriege unter den Völkern der Erde -, dafür entstehen neue Konflikte oder Katastrophen. Vielleicht sind es auch die alten, die sich nur im kosmischen Ausmaß wiederholen. Denn der Mehrzahl aller SF-Phantasien scheint (trotz des Vergnügens an allmächtigen Helden und Maschinen wie bei "Perry Rhodan") eher vor der Zukunft zu grausen, als dass man sich darauf freuen dürfte. Hans Esselborn, Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Köln und Autor mehrerer Bücher über die literarische Science Fiction:

Hans Esselborn, Professor

Hans Esselborn | Bild: Pabel-Moewig Verlag GmbH
Science Fiction als Zivilisationskritik: Hans Esselborn

"Die Tendenz zur Katastrophe ist schon in der Science Fiction angelegt. 'Krieg der Welten', mit der berühmteste Roman von H.G. Wells, basiert auf einer Katastrophe durch Außerirdische. Solche Geschichten sind immer auch eine indirekte Kritik an der Zivilisation. Aber es gibt auch andere Szenarien. Wenn man etwa Frank Schätzings 'Limit' liest, ist das trotz aller Katastrophen doch eher ein optimistischer Ausblick auf alternative Energiegewinnung."

Vier Punkte bilden einen Grund-Kanon des klassischen Science Fiction Romans.

Erstens: Das Geschehen findet in der Zukunft statt und irgendetwas Dramatisches hat sich gegenüber der Gegenwart verändert. In der klassischen Science Fiction ist diese dramatische Veränderung eng mit dem technischen Fortschritt verknüpft. Und das Genre hält sich in dieser Phase sogar zugute, die wissenschaftliche Phantasie anzuregen. Wolfgang Jeschke, langjähriger Science Fiction-Lektor beim Heyne Verlag und Herausgeber des Science Fiction-Jahrbuchs:

Wolfgang Jeschke, Sci-Fi-Lektor

Erst war die Raumfahrt, dann kam Science Fiction: Wolfgang Jeschke

"Das Thema Raumfahrt wurde sicher von Science Fiction initiiert: Der Physiker Hermann Oberth hat z.B. Jules Verne gelesen und berechnet, welche Beschleunigungen da auftreten würden und gesagt: So geht das nicht, die Leute würden zu Brei zermanscht in so einem Geschoß. Er hat sich Gedanken gemacht, wie das zu lösen wäre und kam auf die Idee der Stufenrakete. Fritz Lang wiederum hat für den Film 'Die Frau im Mond' Oberth eine Werkstatt eingerichtet, um den Start seines Film mit dem Start dieser Rakete zu begleiten. Die Rakete wurde zwar nicht gestartet, aber in der Werkstatt tauchte irgendwann Wernher von Braun auf und am Ende war die Fahrt zum Mond Realität."

Zweitens: In der klassischen Science Fiction geht es nicht um einzelne Menschen und ihre Beziehungen zueinander, sondern um die Gattung Mensch an sich. Und es geht um Ideen: Staats-Ideen, Technik-Ideen, Gesellschafts-Ideen. In aller Regel kommen diese Ideen in Konflikt mit traditionellen Werten wie Freiheit, Gerechtigkeit oder Verantwortung.

Drittens: Fast von Anfang an ist die Science Fiction, in den Worten von Stanislaw Lem, "ein hoffnungsloser Fall mit Ausnahmen". Es dominieren schnell geschriebene, billig und reißerisch auf den Markt geworfene Stoffe der Massenunterhaltung. Die Ausnahmen sind Autoren und Autorinnen mit eigenwilligen Ideen, mit Stilempfinden.

Viertens: Die Erzählweise der Science Fiction ist das "Was wäre, wenn". Was wäre, wenn die Maschinen die Herrschaft über die Menschen errungen hätten? Was wäre, wenn wir im Kosmos auf intelligente Lebensformen stoßen würden? Aber was passiert mit der Science Fiction, wenn der Mensch die Visionen der Science Fiction überholt hat? Sascha Mamczak, Programmleiter Phantastische Literatur beim Heyne Verlag: 

Sascha Mamczak, Heyne Verlag

Alles ist kontrolliert: Sascha Mamczak

"Dietmar Dath hat den schönen Satz gesagt 'Science Fiction ist das, was passiert, wenn der Mensch aus der Natur heraustritt'. Das tun wir gerade. Wir sind in einer Situation, dass wir auf der Erde alles zu kontrollieren versuchen - und da hat es ein Genre schwer, das sich vom Punkt vorher definiert: Was wäre, wenn...?"

Cyberwars als Alltag

Bezüglich der sozialen und medialen Entwicklung hat die Wirklichkeit die Science Fiction längst übertroffen. Die Welt scheint tatsächlich in ihrer eigenen Simulierbarkeit unterzugehen, das Fernsehprogramm sieht so aus, wie Big Brother es sich vorgestellt hätte, wenn er die Intelligenz seiner Untertanen nicht so maßlos überschätzt hätte. Hacker-Angriffe und CyberWars, wie sie sich William Gibson ausdachte, sind digitaler Alltag. Polizisten im Einsatz gegen Demonstranten ähneln "Star Wars"-Klonkriegern.

"Generell kann man sagen, dass in letzten 10 Jahren kein wirklicher Trend zu verzeichnen war. Vor allem nachgefragt sind zwei Bereiche: Einmal Romane, die nahe in der Zukunft spielen, das könnte man als den 'Bereich Schätzing' bezeichnen, die kleine Entwicklungen extrapolieren, aber im wesentlichen eine Thrillergeschichte erzählen, es wird viel gerannt und viel geballert. Und dann ein Effekt, der bezeichnend ist: Klassische Science Fiction-Stoffe, Klassiker ab den 50er Jahren aufwärts, die wir neu herausgeben, finden sehr regen Zuspruch."

Sascha Mamczak

50 Jahre Science-Fiction-Vergnügen: Perry Rhodan

Vielleicht geht es dem Genre gerade nicht allzu gut. Aber das ist nichts, was sich nicht jederzeit ändern könnte. Science Fiction ist das Genre, das einen Ausweg sucht aus dem hoffnungslosen Auseinanderbrechen der technischen, sozialen und moralischen Entwicklung der Menschheit. Vielleicht ist es nicht mehr so einfach, den verschiedenen Genres ihre Funktion zuzuordnen.

Western bringen die Welt nicht mehr in Ordnung, und Science Fiction gibt keine klugen Ratschläge mehr für Raketenbauer und Ethikbeiräte. Aber sich auszumalen, was passiert, wenn der Mensch und seine Technologien partout nicht mehr zusammen passen, das ist immer noch eine lohnende Aufgabe für Bücher, Filme und Comics. Die Science Fiction ist nicht am Ende. Nur muss sie vielleicht gar nicht mehr so heißen.