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Zum 80. Geburtstag des Dichters und Sängers Wolf Biermann

Die Landung des preußischen Ikarus Zum 80. Geburtstag des Dichters und Sängers Wolf Biermann

Stand: 15.11.2016

Wolf Biermann stellt am 19.10.2016 seine Autobiographie "Warte nicht auf bessre Zeiten!" | Bild: picture-alliance/dpa  Susannah V. Vergau

"Ich halt mich fest hier, bis mich kalt / Dieser verhasste Vogel krallt / und zerrt mich übern Rand". Als hätte er es vorausgeahnt: Bei seinem Konzert in der Kölner Sporthalle am 13.11.1976 sang Wolf Biermann die "Ballade vom preußischen Ikarus" als Zugabe. Vier Tage später wurde er ausgebürgert: Wolf Biermann, der 1953 in die DDR übersiedelt hatte, durfte nicht mehr in seine Wahlheimat zurückkehren.

Am 16. November strahlte die ARD das vierstündige Konzert aus - auf Betreiben des BR aber erst zu nachtschlafender Zeit, ab halb 12 - eine wahre "Mitternachtsmesse". Freunde, Feinde und Parteibonzen, alle wurden Zeugen, als der fast 40-Jährige, der seit zehn Jahren totales Auftrittsverbot in der DDR hatte, endlich wieder und dann bis zur Erschöpfung sang und damit, wie Günter Kunert sagte, das Ende der DDR einläutete. So sah es auch Günter Wallraff, der dem Ausgebürgerten in Köln monatelang in seiner Kölner Wohnung Asyl gewährte und seit dieser Ausbürgerung laut den Mund aufmachte gegen das sozialistische System, auf das er bis dahin noch wenigstens letzte Hoffnungen gesetzt hatte.

Vereitert: der kommunistische Backenzahn

Er ist Jude, Sohn eines in Auschwitz ermordeten Kommunisten, sucht 1953 in der sogenannten "antifaschistischen" DDR, die Millionen fliehen, seine neue Heimat, bekommt dort nach 13 Jahren Berufsverbot und wird schließlich in den Wesen ausgewiesen: Mit Wolf Biermann landet man mitten in der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Er ist ein Konvertit, der sich nach langem Ringen vom Kommunismus losgesagt hat, ohne deshalb dem Kapitalismus in die Arme zu laufen. Entscheidend für seine Befreiung vom Kommunismus - dem "Murxismus" (Biermann) -, den er sozusagen mit der Muttermilch aufgesogen hatte, war seine Begegnung mit Manès Sperber. Der habe ihm den "kommunistischen Backenzahn gezogen, der völlig vereitert war".

"Ich war in der Diktatur der freiste Mensch, ...

... den es überhaupt geben kann!" Zwangsweise in den Westen versetzt, sprudelte Wolf Biermann nicht eben über vor Glück. Vor allem dann nicht, wenn ihm Westler beteuerten, wie glücklich er sich jetzt im Goldenen Westen schätzen könne. Gewiss, er erweiterte seinen Radius, probierte (fast) alles aus - folgte sogar einer Einladung der CSU nach Wildbad Kreuth -, ließ sich aber von niemandem vereinnahmen. Wolf Biermann hat sich immer wieder gewandelt und ist sich gerade deshalb treu geblieben.

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Von Knut Cordsen

Donnerstag 10. November 2016, 20:03 Uhr auf Bayern 2