Zurück in die Zukunft Strategien der Muße
Wir sind zu schnell. Zu schnell zum Leben. Die Diagnose gibt es schon seit Jahren. Aber wir rennen immer schneller, um unserer eigenen Geschwindigkeit zu entkommen. Dabei haben wir verlernt, wie produktiv auch Muße sein kann.
Vielleicht ist alles ein Missverständnis: Mails wurden erfunden, um Zeit zu sparen und schneller Briefe schreiben zu können. Aber im Gegenzug schreiben wir eben jetzt zehnmal so viel schnelle Mails als wir Briefe geschrieben hätten. Und müssen auch alle, die eintreffen lesen. Ablehnen unmöglich. Vielleicht alles ein großes Missverständnis.
Die Freiheit wurde erkämpft, damit wir unser Leben selbst gestalten können. Nur erlaubt das Gestalten jetzt derart viele Möglichkeiten, dass wir uns beeilen müssen, um wenigstens ein paar ausprobieren zu können. Die Folge ist, dass die Frequenz der Beziehungen, der Arbeitsplätze, der Hobbys und Urlaubsreisen steigt, sodass wir uns oft genug gar nicht mehr als Herren unserer Freiheit fühlen. Zig Ratgeber suggerieren uns, diese Misere sei nur eine Frage des Zeitmanagements. Der Planung, der Ordnung, und es würde uns nach Lektüre derselben schon gelingen, unsere Zeit besser zu organisieren. Man muss sich beeilen, um der Ratgeberflut zu entkommen und dem dadurch aufgebauten Erwartungsdruck.
"Langeweile führt zu Kreativität"
Es gab sie einmal, die Muße, den "unaufgeregten Blick auf Dinge", wie Karlheinz Geißler sie beschreibt. Der emeritierte Professor für Wirtschaftspädagogik, Zeitforscher und Mitgründer der deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik beklagt, dass Muße nicht als Produktivkraft erkannt wird. Auch der Hirnforscher Gerald Hüther sieht das ähnlich. Bei Kindern führe vermeintliche "Langeweile" oft zu großer Kreativität: "Erst dann, wenn ich als Kind merke, dass es nichts mehr gibt, wo ich auf einen Knopf drücke und es kommt was raus, erst dann komme ich in diese einzigartige Situation, dass ich mir selber was ausdenken muss. Und dann kommt's aus mir."
Durch das beschleunigte Leben, zugeschüttet von schnellen Mails, tausend Anrufen zu jeder Zeit, unendlichen Räumen im Internet, pausenlosen Reizen, die uns auffordern wollen, zu kaufen, zu essen, Spaß zu haben und auch noch einen ganzen Wellnessmarathon hinzulegen, verlieren wir viel. Es wird ein flaches, sich in Vielfalt verlierendes Leben, ohne Intensität und Freude. Deswegen ist es wichtig, sich immer wieder zu sammeln, nachzudenken, was wirklich zählt im Leben, wirklich wichtig ist, sagt Hirnforscher Gerald Hüther. Antworten darauf finden viele Menschen leider erst, wenn sie mitten in einem Burnout stecken.
Strategien der Muße - zwei Beispiele
Zeitreisen
Familie Weinhart entflieht dem Alltagsstress beim Liverollenspiel.
Franz Weinhart: "Da zieht man sein Gewand an, schaltet sein Handy aus und plötzlich reist man 800 Jahre in die Vergangenheit. Es gibt nichts Modernes bei uns. Kein Strom, keine Uhrzeit, man steht in der Früh mit der Sonne auf."
"Magd Waltraud" - ebenfalls im Falkensteiner Ritterbund aktiv: "Einfach mal rauskommen aus dem ganzen Alltagsstress, der Zeit entrinnen, da klingelt kein Wecker, da kräht vielleicht ein Hahn, darum geht’s halt, einfach gemütlich zeitlos zusammenzusitzen. Ich habe das noch nirgendwo anders erlebt, wie langsam die Zeit vergeht, das kenne ich von keiner anderen Alltagssituation, die ich so habe."
Gärtnern
Buddeln, schnippeln, säen und ernten: Beim Gärtnern lässt sich wunderbar sein Tempo runterschrauben. Vor allem in Großstädten boomen deshalb Guerilla - und Urban Gardening. Christa Müller begleitet seit Jahren Gartenbewegungen, unter anderem den Interkulturellen Garten in Neuperlach.
Christa Müller: "Das Gärtnern ist eine Art Gegenwelt. Es hat mit Effizienz überhaupt nichts zu tun. Wir können beim Gärtnern die Wachstumsprozesse nicht kontrollieren, wir können nicht an den Pflanzen ziehen, wir müssen lernen, manche Dinge einfach mal zu lassen. Wir können die Erfahrung machen, wie angenehm es sein kann, einfach mal da zu sein, zuzuschauen. Das ist für viele Leute eine beruhigende Erfahrung."

Wetter

