Bayern 2 - radioThema

Schönheit Die Anbeter der Körperreligion

Ihre Tempel sind die Fitnessstudios, ihre Bibeln die Ratgeber-Bücher zum Abnehmen und zum kalorienarmen Kochen: die Anbeter der Körperreligion. Ihr Credo: Schönheit ist machbar, wenn man sich nur genug anstrengt und nicht sündigt.

Von: Christiane Hawranek Stand: 14.08.2012

Was ist Ihnen am wichtigsten: Erfolg im Beruf, ein befriedigendes Liebesleben oder 5 bis 8 Kilo abzunehmen? Auf diese Frage hat die Mehrheit der Frauen in einer Studie geantwortet: Sie wollen am liebsten dünner werden. Nicht, weil ihnen Beruf und Liebesleben egal sind. Nein, sie haben ein neues Glaubensbekenntnis verinnerlicht: Sie glauben an die Macht der Schönheit, die Probleme in Luft auflösen kann. Aber eben erst dann, wenn die lästigen Kilos verschwunden sind, die Nase begradigt, der Busen vergrößert. Dann kommt das Glück im Beruf und in der Liebe von ganz allein – das hoffen sie zumindest. Die Anbeter der Körperreligion wollen sich nicht in Versuchung führen lassen, denn "das Böse" lauert im Kühlschrank, bei duftenden Essensständen in der Fußgängerzone oder auf dem Grill bei der Gartenparty.

Die Todsünden: Dick und hässlich sein

"Reinheit heißt heute, kein Fett zu haben", sagt die Theologin Regina Ammicht Quinn.

Wer gesündigt hat, bei dem dreht sich das Gedankenkarussell: Hätte ich mich nicht zusammenreißen können? Es beginnt ein ewiger Kreislauf von Reue, Buße und Neuanfang. Schon Elfjährige glauben an die heilende Kraft von Diäten. Die jüngste Jugendstudie der Zeitschrift Bravo hat ergeben: Ein Drittel aller Mädchen unter 17 Jahren hat schon mindestens eine Diät gemacht, um die "Problemzonen" loszuwerden. Auf Platz 1 der unbeliebtesten Körperregionen: der Bauch, gefolgt von Beinen und Po. Wer Gewichtsprobleme hat, läuft Gefahr, gesellschaftlich geächtet zu werden, sagt die Münchner Soziologin Paula-Irene Villa: "Die Dicken sind derzeit so etwas wie Monster, sie werden moralisch überhöht als die Schlechten, weil sie sich nicht im Griff haben, weil sie undiszipliniert sind, das wird gedeutet als unverantwortlich, als schlecht für die Gemeinschaft."

Kuriose Schönheits-Fakten

Moderner Ablasshandel Fitnessstudio

Schönheit ist machbar | Bild: picture-alliance/dpa

Der Monatsbeitrag auf dem Konto des Fitnessstudios ist zu einem modernen Ablasshandel geworden: Branchenkenner gehen davon aus, dass in einem durchschnittlichen Großstadt-Fitnessstudio etwa zwei Drittel der Mitglieder selten bis nie ins Training gehen – und diese Karteileichen kalkulieren die Geschäftsleute natürlich mit ein.

Intimchirurgie boomt

Schönheit ist machbar | Bild: picture-alliance/dpa

Die genaue Zahl der Schönheits-OPs in Deutschland wird nicht erhoben, deshalb schwanken die Statistiken zwischen einer halben und einer Million Eingriffen im Jahr. Laut dem Jahresbericht der Deutschen Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie ist bei Frauen die Brustvergrößerung am meisten gefragt, bei Männern die Fettabsaugung. Der neueste Trend: "Intimchirurgische" Eingriffe, also Operationen an den Geschlechtsteilen.

Schönheits-OPs interessieren auch Jugendliche

Schönheits-OP | Bild: picture-alliance/dpa

Würdest du eine Schönheits-Operation als Geschenk annehmen? Darauf antwortet jedes vierte Mädchen in der Bravo-Jugendstudie mit "ja". Sie glauben daran: Schönheit ist machbar – dank Skalpell und Absaugkanüle.

Schöne Menschen haben´s überall leichter - heißt es.

Schönheit ist machbar | Bild: picture-alliance/dpa

Schöne Menschen haben mehr Erfolg in der Liebe und im Beruf. Das ist das Ergebnis von sozialpsychologischen Studien. Die Attraktiven haben demnach größere Aufstiegschancen im Job und sie sollen sogar mehr Geld verdienen. Kein Wunder – wird den schlanken, athletischen und selbstbewussten Männern und Frauen doch nachgesagt, sie könnten ihre Mitarbeiter besser motivieren, weil sie an ihrem eigenen Körper demonstrieren, wie man die Faulheit überlistet und weil sie sie Leistung verkörpern.

Die schöne bunte Welt der Miss-Wahlen

Schönheit ist machbar | Bild: picture-alliance/dpa

Die Miss Germany ist nicht zu verwechseln mit der Miss Deutschland. In Freizeitparks, Kaufhäusern und Veranstaltungshallen in der ganzen Republik treten die Schönsten gegeneinander an, zum Beispiel bei den Wahlen Model of Germany, Miss Turkuaz – Deutschlands schönste Deutschtürkin, Germany´s Miss Universe, Miss Universe Germany oder Miss Galaxy. Wer bei der Miss Germany Wahl mitmachen möchte, muss ledig sein und darf keine Kinder haben. Schönheits-Operationen sind aber erlaubt. Begründung des Veranstalters: "Wir könnten es sowieso nicht kontrollieren."

Es kommt nicht nur aufs Aussehen an!

Petra Schürmann | Bild: picture-alliance/dpa

Die erste deutsche Miss World war die spätere Fernsehmoderatorin Petra Schürmann, das war 1954. Sie hatte bei der Wahl zur Miss Germany eigentlich nur Platz 3 belegt. Weil sie aber besser Englisch sprach als ihre Konkurrentinnen, durfte sie zur Schönheits-Weltmeisterschaft nach London.

Das Gotteshaus der Selbstkasteiung: Der "Fitness-Tempel"

Weniger Fett, mehr Muskeln und das alles in kurzer Zeit!

In kurzer Zeit mit wenig Aufwand die Muskeln stählen, den Bauch straffen, fit und schlank werden: Das ist das Heilsversprechen, mit dem die Betreiber von Fitnessstudios auf Kundenfang gehen. Und die wiederum glauben an die frohe Botschaft vom perfekten Körper. Deshalb haben es die Fitnessstudios mit ihren 7,3 Millionen Mitgliedern in Deutschland auch geschafft, den "König Fußball" mit seinen vielen Vereinen vom Thron zu stoßen. Sicher können sich viele tausend Menschen tatsächlich darüber freuen, mithilfe von Fitnesstraining abgenommen zu haben, sie empfinden es als Entspannung, nach der Arbeit auf dem Crosstrainer zu schwitzen und dabei fernzusehen. Aber für viele Mitglieder ist es auch eine lästige, nur eben leider notwendige Pflicht.

"Körperlichkeit ist nicht mehr einfach da, sondern gut oder schlecht, gelungen oder misslungen. Der Körper war früher Schicksal, heute ist er das Ergebnis von Handlungen: Jeder ist sein eigener Produzent, verantwortlich für Körper, Erfahrung, Schicksal und die erstrebten Eigenschaften: Jugendlichkeit, Schönheit, Ausdauer, Kraft sind nicht ohne Geld und ohne Tortur zu erlangen. Und darum ist der Kampf gegen den Körper um einen neuen Körper herzustellen, eine unendliche Geschichte von Reue, Buße und Neuanfang und gleichzeitig natürlich die Utopie eines besseren und vielleicht endlich guten Lebens."

Regina Ammicht Quinn, Ethikprofessorin an der Universität Tübingen


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