Neubeginn Mut zum Scheitern
Franz Driessen wollte mit dem Radl bis nach China – und musste auf halber Strecke umdrehen. Anne Koark führte eine höchst erfolgreiche Unternehmensberatung, dann ging sie pleite. Franz Driessen und Anne Koark sind gescheitert – einerseits. Andererseits hat ihnen genau das neue Perspektiven eröffnet.
Bis 2003 leitet die gebürtige Engländerin Anne Koark eine erfolgreiche Unternehmensberatung. Für ihre Arbeit räumt sie Preise ab. Aber mit der Krise nach dem 11. September geht die Firma pleite und Anne Koark in die Privatinsolvenz. Sie, die noch nie einen Dispokredit in Anspruch genommen hatte, steht auf einmal vor einem Schuldenberg, vor einem Trümmerhaufen.
Auf der Visitenkarte steht "Pleitier"
Doch Anne Koark beschließt in die Offensive zu gehen. Sie will das Scheitern enttabuisieren und zeigen, dass sich das wirtschaftlich lohnt. Laut Studien sind fast 20 Prozent Unternehmer, die schon einmal Pleite waren, beim zweiten Anlauf erfolgreicher. Eine zweite Chance reduziert also den Schaden für alle Beteiligten. Anne Koark ergreift diese Chance kurzerhand selbst: Sie druckt sich eine Visitenkarte, auf der "Pleitier" steht und schreibt ein Buch über ihre Erfahrungen. Der Titel "Insolvent und trotzdem erfolgreich" – ein Bestseller.
"Scheitern ist für mich im Nachhinein sozusagen wie eine Ausbildung an der Universität des Lebens, in der man sich selber begegnet und sich mit seinen größten Ängsten auseinandersetzen muss. Und manchmal überrascht ist von sich selbt - im positiven Sinne."
Anne Koark
Anne Koark glaubt, dass man in Sachen Scheitern viel von Kindern lernen kann: "Wenn ein Kind Laufen lernt, lässt es los vom Tisch und dann macht es ein, zwei Schritte und fällt hin. Kein Kind dieser Welt würde sich denken 'Was denken wohl die Nachbarn?'"
Das größte Abenteuer des Lebens
"Was denkt mein ganzes Dorf!?", grübelt Grundschullehrer Franz Driessen besorgt, als es klar war, dass er China nicht erreichen wird. Er wollte mit dem Rad von einem kleinen Dorf bei Aachen bis zur Seidenstraße strampeln.
In Iran ist plötzlich Schluss: Bei seinen Bemühungen, Visa für die Weiterfahrt durch Usbekistan und Kasachstan zu bekommen, rennt er gegen Wände. Franz Driessen muss umkehren. "In der örtlichen Presse hatte es da schon Berichte über den 'Chinaradler Franz Driessen' gegeben, das war mir dann schon peinlich, der war ich ja nicht mehr", sagt Driessen. Obwohl er sein Ziel nicht erreicht hat, möchte er auf diese Erfahrung aber keinesfalls verzichten:
"Diese Reise war das Größte, was ich in meinem Leben gemacht habe. Und ich würde es immer wieder so machen, ich würde auch immer wieder abdrehen. Bis heute werde ich von Bekannten angesprochen: Franz, warum hast Du’s eigentlich nicht geschafft? Es ist manchmal schwer, den Leuten verständlich zu machen, dass ich trotzdem zufrieden bin."
Franz Driessen
Das Gefühl zu scheitern, ist für viele auch deshalb so schlimm, weil sie überzogene Erwartungen an sich haben. Dazu kommt der enorme Leistungsdruck einer Gesellschaft, die die Eliten als Rollenmodell für alle glorifiziert, so der US-Soziologe Richard Sennett: "Jeder soll so wie die Besten sein, ob nun im Sport, am Arbeitsplatz oder sogar beim Sex. Man soll sich immer am absolut Besten orientieren. Kein Wunder, dass die meisten Menschen sich irgendwie unzulänglich, gescheitert fühlen."
Bescheidenere Definition von "Erfolg"
Der unangemessene Perfektionismus treibt Menschen in den Wahnsinn, nichts scheint ihnen mehr gut genug. Sennett rät deshalb dazu, die Erwartungen an sich selber zurückzuschreiben: Wenn man dann eine Arbeit abliefert, die andere für gut genug halten, bestärkt das Menschen, in dem was sie tun:
"Ich glaube, eine bescheidenere Definition von dem, was Erfolg ist, würde dazu führen, dass weniger Menschen das Gefühl haben, zu scheitern."
Richard Sennett
Scheitern muss enttabuisiert werden, so Sennett. Viele, die in irgendeinem Vorhaben gescheitert sind, hätten sich schließlich neu orientiert, neu angefangen und aus dem Scheitern neuen Mut geschöpft.

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