Studien zeigen, dass sich heute weniger 14- bis 24-Jährige engagieren als noch vor zehn, 15 Jahren ...
Pirat statt Bürgermeister Ist die gesellschaftliche Verantwortung am Ende?
Menschen, die sich langfristig engagieren - sei es in der Politik, im Verein, in der Nachbarschaftshilfe - das klingt nach einem überkommenen Gesellschaftsbild. Heute ist Engagement zeitlich begrenzt und verlagert sich ins Internet.
"Freiheit heißt Verantwortung", so lautet eine zentrale These von Bundespräsident Joachim Gauck. Es gehöre zum Grundbestand des Humanen, sich um andere Menschen zu kümmern und Verantwortung zu übernehmen. Aber wie sieht diese Verantwortung aus?
Die junge Generation ist zwar engagiert, hat aber - bedingt durch das achtjährige Gymnasium, Ganztagsschule und straff organisiertes Bachelor-Studium - oft weniger Zeit. Manche schauen verstärkt darauf, ob ihnen der Einsatz beruflich Vorteile bringt, sagen Sozialwissenschaftler. Das sollte aber nicht der Schwerpunkt des ehrenamtlichen Engagements sein, findet Alois Glück, langjähriger Landespolitiker in Bayern und Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken. Eines seiner Herzensthemen: Die aktive Bürgergesellschaft.
"Das Neue entsteht von unten her. Neue Entwicklungen werden praktisch durchgängig angekurbelt von engagierten Bürgern. So gesehen ist die Lebendigkeit des bürgerschaftlichen Engagements identisch mit der Lebendigkeit einer Gesellschaft und einer Demokratie."
Alois Glück
"Sauerstoffzufuhr" für die Gesellschaft
Alois Glück ist davon überzeugt, dass engagierte Menschen eine Art Sauerstoffzufuhr für die Gesellschaft sind. Die Luft wird also dünner, wenn jeder vor allem auf sich selbst schaut. Allerdings ist es eben jene wachsende Mobilität, die soziales Engagement erschwert. Eine Langzeitstudie im Auftrag der Bundesregierung zeigt: Ende der 1990er Jahre wohnte noch fast die Hälfte der unter 30-Jährigen an ihrem Geburtsort. Zehn Jahre später war es nur noch ein Drittel. Einer wachsenden Zahl jüngerer Menschen fehlt also der Kontakt - der Anknüpfungspunkt - an ein bestehendes soziales Netz. Dafür schließen sich Ehrenamtliche immer häufiger über das Internet zusammen - das Engagement verlagert sich mehr und mehr ins Digitale.
"Das wichtigste in der mobilen Welt ist es, Initiativen zu unterstützen, die Menschen zusammenführen"
Alois Glück
"Wir haben beobachten können, dass es Netzaktivisten gibt, die bis Mitte 20 Jahre alt sind, zum Teil noch Schüler sind, und für sie stellt der Protest übers Internet oft so etwas wie ein Erweckungserlebnis dar. Die sind völlig neu über das Internet politisiert worden. Man sollte den Widerhall nicht unterschätzen, weil es sind mittlerweile zwischen 80 und 90 Prozent der Deutschen, auch in höheren Altersgruppen, die online sind. Aber: Sie müssen den Sprung zum Analogen irgendwann überwinden und aus der digitalen Welt heraustreten, und sie brauchen Zeit! Dessen ungeachtet können sie sich auch als 'Zeitarmer' wenigstens temporär, selektiv und vereinzelt mal einbringen."
Stephan Klecha, Göttinger Institut für Demokratieforschung
Aktuelles Lexikon
Piratenpartei, die
Eine am 10. September 2006 in Berlin gegründete deutsche Partei. Sie sieht sich als Teil einer internationalen Bewegung, die die sogenannte „digitale Revolution“ vorantreibt. Die Piraten kämpfen gegen jegliche staatliche Regulierung im Internet und gegen „Politik in Hinterzimmern“, deshalb sind alle ihre Sitzungen öffentlich: Interessierte können sich per Live-Stream zuschalten, also per Internet-Video die Geschehnisse mit verfolgen. Die Piratenpartei bezeichnet sich selbst als „Bürgerrechtspartei in der Informationsgesellschaft“ und wird häufig als klassische Ein-Themen-Partei wahrgenommen, die sich vor allem für Netzpolitik stark macht. 2011 und 2012 sind die Piraten in die Landesparlamente von Berlin, Saarland, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westphalen eingezogen.
Zivilgesellschaft, die
Bereich in der Gesellschaft, der zwischen Markt, Staat und Familie angesiedelt ist. In diesem so genannten öffentlichen Raum schließen sich engagierte Menschen in Vereinen, Verbänden, Stiftungen, Bürgerinitiativen oder lose organisierten Gruppen zusammen. Voraussetzung dafür sind die gesetzlich garantierte Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit. Die Zivilgesellschaft wird von vielen als Grundpfeiler der Demokratie bezeichnet. Manche sprechen alternativ auch von der Bürgergesellschaft. Zivilgesellschaftliches Engagement ist freiwillig, gemeinwohlorientiert und erfolgt unter Verzicht auf materiellen Gewinn.
Verantwortung, die
Sittliche Grundhaltung, aus der heraus jemand sein Handeln durch selbständige Entscheidungen bestimmt. Wer Verantwortung übernimmt oder übertragen bekommt, erhält dadurch bestimmte Kompetenzen und Aufgaben. Die Folgen seines Handelns werden ihm zugerechnet. Verantwortung ist insofern nur bei einem Handeln aus Freiheit als sinnvoll denkbar. Träger von Verantwortung nehmen in freier Entscheidung Gestaltungsmöglichkeiten wahr, orientieren sich dabei an den Vorstellungen von gutem und gerechtem Leben und legen über ihr Tun Rechenschaft ab.
Hipster, der
Älterer Jugendlicher bis junger Erwachsener der urbanen Mittelschicht, der versucht, sich vom Mainstream abzuheben. Hipster gelten als unpolitisch und vertreten oftmals die ironische Ansicht: „Sei ein Aktivist, indem du nicht mitmachst!“ Der Begriff „Hipster“ hat einen spöttischen Unterton, weil damit „hippe Verbraucher“ gemeint sind, die ihre Konsumentscheidungen – das richtige T-Shirt, die richtige Jeans, das richtige Essen – als eine Art Kunstform verstehen. Der Hipster bewegt sich dabei zwar innerhalb der Grenzen des Massenkommerzes, sucht aber nach Exklusivität. Deshalb würde sich ein Hipster auch niemals als solcher bezeichnen.
Wie lässt sich die Schwelle überschreiten zum längerfristigen Engagement?
Das Amt für Gemeindedienst der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern hat seine Ehrenamtlichen dazu befragt. Die meisten wurden von anderen Engagierten angesprochen, ob sie nicht Lust hätten, mitzumachen - und sind dann dabei geblieben. Wer dann einmal Feuer gefangen hat, so scheint es, der bekommt immer mehr Ehrenämter: Mehr als die Hälfte der Engagierten in der evangelischen Landeskirche bringt ihre Fähigkeiten auch noch in anderen Vereinen, Initiativen oder in der Politik ein. Ämterhäufung nennt man das. Insgesamt kann man sagen, dass die Zahl derjenigen, die sich engagieren, zuletzt sogar leicht angestiegen ist. Das zeigt der so genannte Freiwilligensurvey, eine langfristig angelegte Studie im Auftrag der Bundesregierung.
Die 30- bis 59-Jährigen sind am aktivsten
Sozialforscher haben seit dem Jahr 1999 in verschiedenen Etappen mehrere tausend Menschen aller Altersklassen über ihr freiwilliges Engagement befragt. Am aktivsten ist die Altersklasse der 30- bis 59-Jährigen. Jüngere Familien gelten als wichtigster Pfeiler der Zivilgesellschaft, weil sich oft Kinder und Eltern engagieren. Außerdem steigt der freiwillige Einsatz von Senioren kontinuierlich an, knapp ein Drittel der über 65-Jährigen ist aktiv.Am aktivsten ist die Altersklasse der 30- bis 59-Jährigen. Andererseits geht das Engagement der jungen Generation zurück, langsam zwar, aber nicht zu übersehen. Außerdem sind die Jüngeren tendenziell etwas seltener in Vereinen oder Verbänden aktiv, sondern zunehmend in lose zusammen geschlossenen Gruppen. Das heißt aber nicht, dass das traditionelle Ehrenamt vom Aussterben bedroht ist. Die Studie zeigt: 80 Prozent der Freiwilligen engagieren sich zeitlich unbefristet, der größte Teil in Vereinen. Im Schnitt üben die Menschen ihre Tätigkeit seit rund zehn Jahren aus, gut die Hälfte ist mindestens einmal in der Woche aktiv. Was zurückgeht ist die Motivation, Leitungs- und Vorstandsfunktionen zu übernehmen.

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