Starke Frauen Muttermythen rund um "Mama Maria"
Schön, keusch und gehorsam - so sahen Kirche und Gesellschaft die Mutter Gottes Jahrhunderte lang. Moderne Mütter setzten diesem verklärten Marien-Bild ein anderes entgegen: das einer starken, unabhängigen Frau, die sich den Herausforderungen des Lebens stellte - wie viele moderne Mütter eben auch.
Kaum eine andere Mutter ist wohl je so vergöttert worden wie sie: Maria, die junge Frau aus Nazareth, die Christen weltweit als Mutter Jesu verehren. Seit fast zweitausend Jahren weckt ihre Gestalt die Sehnsüchte, Erwartungen und Bedürfnisse der Menschen.
Der verklärte Muttermythos der leidenden, gehorsamen und keuschen Mutter macht Müttern bis heute zu schaffen. Moderne Frauen sehen in der Mutter Gottes eher eine starke, von Männern unabhängige Frau, die sich sozialen Problemen und Herausforderungen stellt. Schließlich war Maria eine blutjunge Mutter am Rande der Gesellschaft, die ein uneheliches Kind erwartete, eine Mutter auf der Flucht, die später akzeptieren musste, dass ihr Sohn einen radikalen Weg ging.
Verwaiste Mütter
Frauen, die ein Kind verloren haben, können sich wohl am besten in Marias Gefühlswelt hineinversetzen, sagt die Trauerbegleiterin Gertrud Ströbele. Seit Jahren ist die 44-Jährige für den Katholischen Deutschen Frauenbund in der Trauerhilfe tätig:
Gertrud Ströbele:
"Maria ist eine Figur, mit der sie sich identifizieren können. Sie beten zu ihr und es ist trostreich, weil sie sehen: Sie hat das auch durchgemacht. Manchmal habe ich das Gefühl, Menschen haben mehr Bezug zu Maria als zu Gott, der ja über allem steht. Maria teilt mit uns Probleme und Schmerzen und läuft nicht davon."
Sich dem Schmerz stellen - dazu gehört auch, über den Tod des geliebten Kindes sprechen zu können, findet Hanne Brenner. Sie hat 2005 ihren damals 18-jährigen Sohn bei einem Autounfall verloren - eine der schlimmsten Erfahrungen, die eine Mutter machen kann.
Hanne Brenner:
"Für mich war das einfach verletzend, dieses Thema nicht anzusprechen. Ich denke, das kann doch nicht sein. Das kann man doch nicht einfach ignorieren. Zur Taufe, zur Kommunion, zur Hochzeit, da wird gefeiert, da ist das ganz normal. Und der Tod wird einfach totgeschwiegen. Es wird nicht erwähnt. Das sollte sich ändern in der Gesellschaft, dass das ein ganz normales Thema wird!"
Mutterbilder moderner Frauen
Eine starke Maria, die Dinge anpackt und nicht vor Problemen wegrennt, das ist auch das Marienbild, das Maria von Welser im Kopf hat. Die Journalistin und langjährige Moderatorin des von ihr entwickelten TV-Journals Mona Lisa war vierzehn Jahre alleinerziehende Mutter. Trotzdem machte sie unbeirrt Karriere - ein anderes Mutterdasein hätte sie sich gar nicht vorstellen können:
Maria von Welser:
"Ich hatte als Mutterbild eine berufstätige Mutter. Ich bin nicht auf die Idee gekommen, dass das irgendwie kompliziert sein könnte. Der Alltag hat mich dann eines anderen belehrt und da begann ich dann mich aufzulehnen und aufzubäumen. Weil ich gesagt habe, das kann ja nicht sein, dass hier meine Klassenkameraden, meine Studienkollegen alle ohne Probleme heiraten und Kinder haben und im Beruf weiterkommen und dass die Frauen zu Hause bleiben. Da läuft was richtig, richtig schief. Wir können uns auch nicht leisten, dass wir auf diese Kompetenz auf diese engagierten, tollen Frauen verzichten."
Junge Mütter
Julia Brönner war gerade mal 20 Jahre alt, als ihre Tochter Leonie zur Welt kam - ein Wunschkind: "Wir waren noch nicht lang zusammen und da habe ich zu meinem Freund gesagt: Du, ich möchte früh Mama werden." Als sie wenig später schwanger ist, mischen sich plötzlich Ängste und Zweifel zur Freude auf das Baby. Die Ungewissheiten, die Maria, die Mutter Gottes, damals wohl geplagt haben, kann sie gut verstehen:
Regenbogen-Mamas
Dem Idealbild der katholischen Kirche von der "heiligen" Familie entsprechen sogenannte Regenbogen-Familien nicht. Also die Konstellation "Mama, Mama Kind" oder "Papa, Papa, Kind". In der Gesellschaft finden diese Familienmodelle immer mehr Akzeptanz, die Kirche tut sich nach wie vor schwer damit. Simone Eiche findet das schade. Sie ist zwar nach ihrem Coming Out aus der katholischen Kirche ausgetreten, fühlt sich dem Katholizismus aber nach wie vor verbunden, genauso wie ihre Frau Eva, die katholisch ist.
Simone Eiche::
"Als Gestalt ist mir die Maria schon wichtig, deswegen erzähle ich unserem Sohn auch von ihr, wenn wir eine Marienstatue in einer Kirche anschauen. Ich finde es gut, dass es eine Maria gibt und nicht nur einen Mann, den lieben Gott."
Maria - eine Figur, die das weibliche Element wieder einbringt in ein doch sehr männlich geprägtes Gottesbild. Eine starke Mutter, die die allmächtige Vaterfigur ein Stück weit in den Hintergrund drängt.
Literatur-Tipp:
Sabine Demel über Maria: "Maria ist sozusagen die klassische Mittlerin zwischen Gott und Mensch. Sie öffnet durch diese Verheißung und diese Geschichte, die Gott mit ihr in den Gang bringt öffnet sie als Mensch den Menschen den Blick auf die jenseitige Wirklichkeit."
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Demel, Sabine: Jungfrau und Mutter. Maria und ihre Auswirkungen auf das Frauenbild (in) der katholischen Kirche. In: Kroppenberg, Inge; Löhnig, Martin (Hg.): Fragmentierte Familien. Brechungen einer sozialen Form in der Moderne. transcript Verlag. Bielefeld, 2010.

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