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Literatur im Farbenrausch Von der schönen Kunst der Illustration

Die Illustration literarischer Texte ist eine sehr eigene Kunst, die selten als solche wahrgenommen wird. Doch das Interesse an Bilderbüchern für Erwachsene, die dem Geschriebenen visuelle Umsetzungen eines Stoffs zur Seite stellen, wächst.

Stand: 03.09.2012

Bild und Text, das ist ein fruchtbares, aber spannungsreiches Verhältnis. Wenn vom "iconic turn" die Rede ist, so ist das bisweilen durchaus polemisch gemeint - als Diagnose eines Kulturverfalls, der das gründlich Durchdrungene gegen den raschen Reiz eintauscht. Auf der anderen Seite gibt es, vor allem mit Bezug auf Medienformate, eine handfeste Abneigung gegen altmodische "Bleiwüsten" des Geschriebenen - und gegen das Vertrauen darauf, dass das Wort Dinge und Zusammenhänge ausreichend eindrücklich vorstellen könne. Bilderskepsis versus Textmüdigkeit also.

Die Parallelwelt der Bilder

Zugleich etablieren sich neue Formen des Zusammenspiels von Text und Bild. Graphic Novels, aus dem Comic hervorgegangen, werden als Genre zunehmend ernstgenommen, und auch illustrierte Bücher erleben derzeit eine Renaissance; wenn auch eine kleine, verglichen mit der großen Tradition von Text-Bild-Kunstwerken etwa in Expressionismus und Dadaismus.

Franziska Neubert, Illustration zu "Spinnentz" von Joseph Roth | Bild: Franziska Neubert
Franziska Neubert, Illustration zu "Das Spinnennetz" von Joseph Roth

Dabei geht es selbstredend nicht um ein schlichtes Bebildern der erzählten Geschichte, sondern um einen eigenen künstlerischen Zugriff. Verschiedene Illustratoren umschreiben das, was sie tun, unterschiedlich: Franziska Neubert aus Leipzig möchte ein bildliches Parallel-Universum zum Text schaffen. Eines, das die Geschichte bereichert und optische Indizien zum Zeit- und Kulturhorizont gibt, in dem sie spielt, ohne historische oder exotische Stile zu imitieren. In ihren Arbeiten zum Debütroman von Joseph Roth, "Das Spinnennetz", der vom Aufstieg der faschistischen Barbarei erzählt, greift sie zum Beispiel ästhetisch auf die frühe Pressefotografie der 20er-Jahre zurück. Ganz anders, nämlich farbintensiv und mit starken, flächig-linearen Hell-Dunkel-Kontrasten im Holzschnitt sieht ihre Illustration einer Erzählung von Julio Cortázar aus.

Die Kölnerin Katrin Stangl, die Ray Bradburys "Fahrenheit 451" in expressiven Bildern und Gedichte des Gugginger Künstlers Ernst Herbeck in zarten Buntstiftzeichnungen illlustriert hat, ist immer auf der Suche nach der Atmosphäre eines Textes. "Bonjour Tristesse", den Roman von Françoise Sagan um frühe Liebe, Eifersucht und freies Leben von 1954, setzt sie in Aquarell- und Acrylbilder um, die eine 50er-Jahre-Ästhetik andeuten und die drückende Stimmung an der sommerlichen Côte d’Azur einfangen.

Die Freiheit des Illustrators

Für den aus Frankreich stammenden Bernard Granger alias Blexbolex ist die Illustration eine ganz andere Kunst als Bilder oder Text: keine schlichte Addition, sondern ein Dazwischen, "in between", wie er sagt. Und genau dieses "in between" fasziniere ihn. Das ist auch in der Ästhetik seiner Bilder zu spüren: Sie entstehen am Computer, erinnern aber an Holzschnitte oder Siebdrucke.

Aus "Der Pirat und der Apotheker" von Henning Wagenbreth

Henning Wagenbreth vergleicht die Arbeit des Illustrators mit der des Theatermachers. Ob er das Moralgedicht "Der Pirat und der Apotheker" von Robert Louis Stevenson in anarchisch-intensive Bilder fasst oder eine groteske Fabel über eine Verschwörung Napoleons malt - für Wagenbreth, den ausgebildeten Plakatkünstler, geht es darum, Bühnenbilder zu entwerfen, in denen die Figuren agieren können. Das Verhältnis zum Text ist dabei der Vorgabe von Bühnenliteratur zu vergleichen: Jede Inszenierung kann einem Stoff eine ganz neue Interpretation geben.

Welche Möglichkeiten der Illustrator dabei hat, das hängt auch vom Sub-Genre des bebilderten Buches ab. Der Berliner Georg Barber, der unter dem Namen ATAK zeichnet, kam ursprünglich vom Comic her, suchte aber nach Wegen, den eng getakteten Blick-Rhythmus von Feld zu Feld zu verlassen. Im illustrierten Buch hat er mehr Entfaltungsmöglichkeiten und kann dem Bild so viel Raum geben, wie er will. Und herauskommen darf dabei auch schon mal eine großes Bilderpanorama auf schmaler Textbasis, wie etwa in seiner Bearbeitung von Gertrude Steins Erzählung "Ada": Zweieinhalb Seiten Text, 32 Seiten Bilder.

Das Buch als Körper und die Digitalisierung

Das freie Spiel der Kräfte zwischen Text und Bild können die Illustratoren nutzen. Der kürzlich verstorbene Armin Abmeier, Herausgeber vieler illustrierter Bücher und der "Tollen Hefte", Büchernarr und Galerist, im Feuilleton als "Nestor der deutschen Illustratorenszene" bezeichnet, sprach in diesem Zusammenhang von einer "fröhlichen Verschwörung der Bildermacher".

Illustrierte Bücher

"Ein bisschen altmodisch. Keine trotzig-konservative Selbstbehauptung, keine Verteufelung der mehr und mehr digitalen Lesewelt. Vielmehr ein fröhliches Bekenntnis zu Bildern, zu Farbe und zu schönem Papier. Und zu Büchern, die auch bei uns Erwachsenen alle Sinne wecken können. Nicht nur, aber vor allem auch mit ihren Bildern."
Niels Beintker

Betreibt das Genre des illustrierten Buchs, für das Papierqualität, Farbe, kurz: die Haptik eines Werks, so wichtig sind, auch subtile Subversion gegen die Digitalisierung? 3-D-Bilder jedenfalls können auch Papierbücher liefern, wie zum Beispiel eine Ausgabe von "Der talentierte Mr. Ripley" mit Illustrationen von Alexandra Rügler zeigt. Und Apps zu Bilderbüchern gibt es natürlich ebenfalls schon. Trotzdem sind viele Bücher mit Bildern auf einem Lesegerät nicht gut vorstellbar. Eine kulturkämpferische Position sollte man daraus allerdings nicht machen, zumal die Netzkultur Text und Bild so umfassend integriert wie wohl kein Medium zuvor. Koexistenz statt Konfrontation also - von Sehen und Lesen und von analogen und digitalen Arbeiten.

"Literatur im Farbenrausch. Von der schönen Kunst der Illustration"
Von Niels Beintker
radioThema
6. September 2012, 20.03 Uhr
Bayern 2


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