Die Zeit überlisten Die autobiographischen Romane von Hermann Lenz
Hermann Lenz' Distanz zu seiner Zeit war kein lauter Protest, aber ein beharrlicher, der sich durch sein ganzes Leben fortgesetzt hat. Und wenn er sich als äußerst machtlos empfand, so entwickelte er gerade seine Stärke in dieser Beharrlichkeit, den jeweiligen Zeitgeist nicht als eine Größe anzusehen, nach der er sein Denken und Schreiben auszurichten habe.
Wie geht einer 1938 durch München, der sich als Außenseiter fühlt und sich mit Eleganz und langen Haaren zu schützen versucht, einer, dem vor der "Neuen Zeit" graust und der nichts anderes möchte, als in seiner Dachstube schreiben? Wie schreibt einer, der vom friedlichen Kosmopolitismus des österreichischen Kaiserreichs träumt, in dieser "Neuen Zeit"? Wie schafft es einer, sein ganzes Leben minuziös zu vergegenwärtigen, sich an jeden Tag des Zweiten Weltkrieges in Frankreich und Russland zu erinnern, ohne sich selbst dabei zum Helden zu werden?
Geschichten aus der Sicht des Machtlosen
Hermann Lenz' autobiographische Romane sind keineswegs idyllische Reminiszenzen, sondern die präzise Chronik eines Lebens, in der Geschichte aus der Sicht des Erleidenden, des Machtlosen, Ängstlichen geschildert wird. Die Stärke aber gegen alle Vereinnahmungen beruht in der Gewissheit, dass weder die damalige "Neue Zeit" noch der spätere Zeitgeist Größen sind, nach denen der Autor sein Leben und sein Schreiben auszurichten habe.
Ulrike Voswinckel im Gespräch mit Hermann und Hanne Lenz
Hermann Lenz und seine Frau Hanne erzählten Ulrike Voswinckel aus der ersten gemeinsamen Zeit im München der 30er und 40er Jahre. Hanne Lenz konnte gerade noch als Kunsthistorikerin promovieren, bevor die Nazis es ihr als Halbjüdin verboten hätten, und bevor sie von der Gestapo dazu gezwungen wurde, Münchner Straßenbahnwaggons zu waschen, während Hermann Lenz an der russischen Front als Scharfschütze eingesetzt wurde.
"Das Schreiben ist mein Leben"
Sein ganzes Leben hindurch hat Hermann Lenz geschrieben, und wenn er es nicht konnte, hatte er das Gefühl, ihm zerplatze der Kopf. Was ist diese Lust zu Schreiben eigentlich - kann man das erklären?
Hermann Lenz: " Ich glaube schon, dass das Schreiben eine intensivere Form von Leben ist. Wenn man's niederschreibt, ist man dem allem nahe, was man erfahren hat, auch in den erfundenen Geschichten, die ja alle von der eigenen Erfahrung abhängen, Szenen erfindet, Handlungsfäden ausspinnt, die nur der Phantasie entsprungen sind. Aber das Aufschreiben von Erlebtem, das, glaube ich, wird deshalb gemacht, um intensiver zu leben, um es sich klar zu machen, wie man selber reagiert hat - sozusagen neben sich zu stehen, sich zu kontrollieren ... und im übrigen weiß ich es nicht, warum ich es mache.
Ich bin davon angetan, es ist mein Leben.
Aber wer hätte es gedacht, daß ich so beachtet werde, wie ich immerhin jetzt beachtet werde, das ist wahr - ich nicht, ich hätt's nie gedacht - du liebe Zeit! Nö, nö!"
Die Eugen-Rapp-Romane von Hermann Lenz
Die unter dem Sammeltitel "Vergangene Gegenwart" zusammengefasste autobiographische Romanfolge:
- 1) Verlassene Zimmer – Roman. Köln und Olten: Hegner 1966.
- 2) Andere Tage – Roman. Köln und Olten, Hegner 1968.
- 3) Neue Zeit – Roman. Frankfurt a. M., Insel 1975.
- 4) Tagebuch vom Überleben und Leben – Roman. Frankfurt a. Main, Insel 1978.
- 5) Ein Fremdling – Roman. Frankfurt a. M., Insel 1983.
- 6) Der Wanderer – Roman. Frankfurt a. Main, Insel 1986.
- 7) Seltsamer Abschied – Roman. Frankfurt a. Main, Insel 1988.
- 8) Herbstlicht – Roman. Frankfurt a. Main und Leipzig, Insel 1992.
- 9) Freunde – Roman. Frankfurt a. Main und Leipzig, Insel 1997.

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