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Glaube im Internet Freundschaftsanfrage an Gott

"Gott hat deine Freundschaftsanfrage bestätigt", meldet Facebook eines Tages. Eine Freundschaftsanfrage an Gott? Im Social Web kein Problem! Sowieso ist im Internet in Sachen Spiritualität einiges möglich: Von der Wiege bis zur Bahre kann man sein religiöses Leben online führen.

Autor: Friederike Weede und Anna Schleinzer Stand: 12.12.2011

Gott hat einen Steckbrief im Internet. Genauer: bei Facebook. Auf seinem virtuellen Profil präsentiert sich der Allmächtige als alter Mann mit weißem Rauschebart. Seine Pinnwand ist ein Sammelsurium aus Gebetsanliegen, Glaubens- und Lebensfragen und ganz banalen Kommentaren seiner Facebook-Freunde. "Könnt's dich aber auch ma wieder rasieren, wa?", schreibt einer. Ein anderer will wissen: "Gott, wo hängt dein Sohn heut so rum?" Und ein Prüfling bittet um Beistand: "Ich schreibe morgen Deutsch-Abi, ich verlass mich auf dich ;)"

Jürgen Flieges Onlinekirche

Das Internet ist eine riesige Spielwiese für religiöses Leben, auf der sich alles und jeder tummelt. Fernsehpfarrer Jürgen Fliege ist einer der Ersten, der in Deutschland mit religiösen und spirituellen Themen online ging. Natürlich, sagt Fliege, höre Gott die Menschen auch im Internet. In seiner Online-Kirche zünden die User virtuelle Kerzen an, chatten im "Gemeindecafé" oder lauschen zu jeder Tages- und Nachtzeit seinen Predigten.

Glaubensangebote im Web

Heiraten

Brautpaar | Bild: colourbox.com

Nicht sicher, ob der oder die Liebste auch wirklich "ja" sagen wird? Oder nicht so sicher, ob man den Bund für's Leben tatsächlich eingehen will? Dann sind Sie auf www.willst-du-mich-heiraten.at richtig. Der Handanhalter füllt ein Formular aus, der Gefragte kriegt eine Mail und klickt auf "Ja", "Nein" oder "Vielleicht" - schon ist die Sache erledigt. Rechtsverbindlich ist die Cyber-Ehe natürlich nicht. Noch ein Vorteil: Auch die Scheidung ist mit einem Mausklick eingereicht.

Pilgern

glaube | Bild: colourbox.com

Wozu noch schwitzen und sich Blasen laufen? Die meisten Pilgerstätten sind im Internet nur ein paar Klicks entfernt. Auf der Homepage der katholischen Wochenzeitschrift "Liboriusblatt" geht's per Webcam nach Santiago de Compostela, nach Lourdes und zum Papstgrab in den Petersdom nach Rom. Also Hausschuhe anziehen und lospilgern unter www.liborius.de/specials/webcams.html.

Beichten

glaube | Bild: colourbox.com

Was Doofes angestellt? Was Blödes ausgefressen? Beim Pfarrer muss man deswegen nicht mehr vorstellig werden. Wäre ja auch viel zu peinlich, so von Angesicht zu Angesicht zu beichten. Anonym sein Gewissen erleichtern kann man auf www.beichthaus.com. Außerdem darf man dort seinen voyeuristischen Gelüsten nachgeben - einfach durch die Online-Geständnisse seiner Vorgänger klicken und per Kommentarfunktion seinen Senf dazu abgeben.

Beten

glaube | Bild: colourbox.com

"Vielleicht kann die alte Dame nicht mehr gut laufen", sagt Jürgen Fliege, "und kommt deswegen in meine Online-Kirche." Auf www.fliege.de finden Cyber-Omis und andere Interessierte eine komplette Online-Gemeinde mit einem Gemeindecafé zum Quatschen, Gebetsräumen, Cyber-Predigten und Kirchenwebcams. Auch virtuelle Kerzen können sie hier anzünden.

Ruhe

Fresken in der Sixtinische Kapelle | Bild: picture-alliance/dpa

Von ungestörtem Kunstgenuss kann in der Sixtinischen Kapelle oft keine Rede sein. Man quetscht sich im Touristentross durch das ehrwürdige Kirchlein, im Sekundentakt piepsen die Fotokameras, zuckt das Blitzlicht. Michelangelos weltberühmte Deckengemälde mal seelenruhig und ganz alleine bewundern - das wär's! Der Vatikan macht es nun möglich - mit einer virtuellen Entdeckungsreise der Sixtinischen Kapelle. Dank des virtuellen 360 Grad Blicks muss man sich dafür nicht mal den Kopf verrenken. Hier ausprobieren: www.vatican.va/various/cappelle/sistina_vr/index.html

Trauern

glaube | Bild: colourbox.com

Einen Gedenkstein niederlegen, eine Kerze anzünden: Solche Rituale helfen Trauernden, den erlittenen Verlust zu verarbeiten. Ob sie das online oder im "echten" Leben machen, spielt eigentlich keine Rolle, sagt der Theologe Adolf Pfeiffer, der das das Trauerportal www.trauer.org gegründet hat. Dort bietet er übrigens auch Trauerseminare an - via Chat. Der Online-Austausch mit anderen Betroffenen ist hilfreich, sagt Pfeiffer: "Oft ist es gar nicht so leicht, seinen echten Freunden wieder und wieder von seinem Schmerz zu erzählen."

Seit seiner Erfindung rief das Internet eine Szene von Cyberphilosophen auf den Plan. Sie glauben an die Versöhnung aller Menschen im Internet. An ein neues Pfingsten, in dem Sprachen, Ethnien und Religionszugehörigkeiten keine Rolle mehr spielen. Warum auch nicht, sagt der evangelische Theologe Bernd-Michael Haese, schließlich könne der heilige Geist auch online wirken.

"Wenn man Pfingsten als das Fest der Sprachüberwindung, der Überwindung von Trennungen und Grenzen betrachtet, dann hat das Internet durchaus etwas davon. Bestimmte Sprachen sind im Internet bestimmend und verbinden Völker. Warum soll man da nicht ganz frech sagen: Klar, Pfingsten findet auch im Internet statt."

Bernd-Michael Haese

Internet = Gott ?

Manche Internetfreaks gehen sogar noch weiter: Das Internet selbst sei Gott, so ihre These. Tatsächlich finden sich gewisse Parallelen zu typischen Gotteszuschreibungen, so Bernd-Michael Haese: "Überzeitlichkeit, Allwissenheit, Unsterblichkeit. Was immer auch passiert, das Netz lebt irgendwie und entwickelt sich. Aber das sind ja nur sehr begrenzte Ausschnitte aus einer christlichen Gottesvorstellung. So etwas wie den liebenden oder verzeihenden Gott finden Sie im Internet nicht."

Das sehen die User einer christlichen Online-Community anders: Natürlich, schreibt eine Nutzerin, findet man so einen Gott auch im Internet. Nur begegne er einem dort nicht als alter Mann mit Rauschebart, sondern durch die anderen User: "Im Internet sind Menschen unterwegs, durch sie kann dir Gott begegnen. An dem, was jemand schreibt und wie es dein Herz trifft, erkennst du ihn schon."